Die Violetten in Hamburg

Die Violetten - ein Projekt zur Rettung der politischen Vernunft

Bundesgeschäftsstelle:
Bundesgeschäftsstelle der Violetten
Zur Bundeswebsite:
Bundeswebsite der Violetten
Wahlspot 2013
Wahlspot 2013
Spenden für die Violetten
Atomausstieg
Atomausstieg selbst gemacht

"Wenn Frau Merkel glaubt, sie kann die abgeschalteten Kernkraftwerke einfach wieder einschalten lassen und einfach 110 anrufen, wenn es Protest gibt, ist sie bei uns falsch verbunden", sagte Rainer Wendt, Verbandschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, dem Handelsblatt Online.

(Quelle: Handelsblatt Online, 18.05.11)

Netzwerk-Partner
Spirit Online
Die Mitgliederzeitung
Die Mitgliederzeitung der Violetten
Lesenswertes

Neues Wirtschaftskonzept

  "Wirtschaft anders denken" - DIE VIOLETTEN stellen der Öffentlichkeit 2013 ein neues, vom Arbeitskreis Landesverband Hamburg erarbeitetes Wirtschaftskonzept vor. Dieses neue Konzept beinhaltet im Kern den Aufbruch hin zu einer Post-Wachstumswirtschaft. Es ist somit der theoretische und konzeptionelle Teil eines Transformationsprozesses, der ...

Weiterlesen

Stoppt TTIP – das Transatlantische Freihandelsabkommen!

Stoppt TTIP – das Transatlantische Freihandelsabkommen!

  Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit geht hinter verschlossenen Türen die Liberalisierung des Welthandels zurzeit in eine neue Runde. Obwohl es seit der Finanzkrise 2008 eigentlich als gesellschaftlicher Mainstream gilt, dass jetzt wieder mehr reguliert werden müsse, passiert real genau das ...

Weiterlesen

Die Logik der Commons & des Markts – Eine Gegenüberstellung

Die Logik der Commons & des Markts - Eine Gegenüberstellung

  Commons – die Welt gehört uns allen!   Die nicht enden wollende globale Finanzkrise zeigt: Markt und Staat haben versagt. Deshalb verwundert es nicht, dass die Commons, die Idee der gemeinschaftlichen Organisation und Nutzung von Gemeingütern und Ressourcen, starken Zuspruch erfahren. In dem ...

Weiterlesen

Spirituelle Revolution in England

Am 23. Oktober 2013 strahlte die britische BBC ein Interview mit Russell Brand zum Thema ‘Anti-kapitalistische Revolution’ aus. Als Anlass dazu diente sein Leitartikel zur spirituellen Revolution in der Politik und Gesellschaft, der in der gleichen Woche in der politischen ...

Weiterlesen

BGE interaktiv

Eine Gruppe von Freunden, die im Bereich Kunst, Design, Film und Politik tätig ist, hat sich im letzten halben Jahr intensiv mit der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) beschäftigt. Aus diesem Interesse heraus entstand sehr bald die Idee, das BGE ...

Weiterlesen

BGE - Ungeahnte Perspektiven

Die Würde des Menschen ist unantastbar - auf der Webseite des Hamburgischeren WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) wird das Thema ebenfalls ausführlich behandelt und auch befürwortet, so z.B. von Prof. Dr. Thomas Straubhaar: "Ein Grundeinkommen für alle – ganzheitliche Lösung statt partielles Flickwerk": oder eine Gegenüberstellung ...

Weiterlesen

Wer sind wir?

  Die Violetten sehen sich als Vertreter und Sprachrohr einer wachsenden Zahl von spirituellen Menschen an. Von all jenen, die sich der geistigen Dimension unserer Welt bewusst sind und die ihre ganzheitliche und nicht nur rein materialistische Weltanschauung auch in der ...

Weiterlesen

Medien

Medien

    Hier weisen wir den Weg zu alternativen Medien, die (im Gegensatz zur Main-Stream-Presse) darüber berichten, was sich bereits alles in der Gesellschaft gewandelt hat und wo gerade welche Menschen (-Gruppen) wie aktiv sind.   "Wir sind gleichzeitig Sterbebegleiter einer alten und Geburtshelfer ...

Weiterlesen

Freiheit für die Vielfalt!  – Petition für Saatgut-Freiheit

Freiheit für die Vielfalt! - Petition für Saatgut-Freiheit

Gefahr für Saatgut durch neue Gesetze Auf EU-Ebene wird eine neue Saatgutverordnung verhandelt, von der wieder einmal die Agrarkonzerne profitieren werden. Alte und seltene Sorten sollen dadurch in die Illegalität getrieben werden. Die bunt gesprenkelte Paradeiser, die violetten Erdäpfel, der gschmackige ...

Weiterlesen

BGE-Aktion! JETZT unterzeichen und verbreiten!!!

BGE-Aktion! JETZT unterzeichen und verbreiten!!!

Es ist soweit: Jetzt können wir hier die Europäische Bürgerinitiative (EBI) zum Grundeinkommen offiziell unterzeichnen (rechts oben auf der EBI-Webseite die Sprache auswählen).   Ziel dieser EBI ist es, bis zum 14. Januar 2014 eine Million Unterschriften zu sammeln. Dann kommt es zu einer ...

Weiterlesen

HARTZ-IV-REBELLIN AUS ALTONA

HARTZ-IV-REBELLIN AUS ALTONA

  Neueste Nachrichten zum Thema Hartz4 und BGE:   Bericht im Hamburger Abendblatt vom 06. April 2013  -  von Axel Tiedemann Jobcenter-Mitarbeiterin verweigert Sanktionen für Arbeitslose   Inge Hannemann weigert sich, Sanktionen gegen Arbeitslose auszusprechen. Sie hält das System für gescheitert und wurde zur Netz-Ikone.   Das Ziel ...

Weiterlesen

Europa`s bürgerliche Demokratie badet im Blut

Europa`s bürgerliche Demokratie badet im Blut

"Die Demokratie muß gelegentlich in Blut gebadet werden" lautete mal ein Albumtitel der deutschen Rock-Band VERSAUTE STIEFKINDER. Dass dieser Titel leider bittere Realität ist, zeigten uns bereits die Bilder aus Griechenland. Jetzt ist Spanien dran, wie selbst die Mainstreammedien nicht ...

Weiterlesen

Die Wachstumsfrage und der Umgang mit Zeit

SRF - Sendung Sternstunde e der PhilosophieBeim SRF – (Schweizer Radio und Rundfunk) gab es gerade eine TV-Diskussion in Basel, die nun auch bei youtube zu sehen ist. In der Fernseh-Reihe „Sternstunde“ wurde zum „Philosophischen Stammtisch“ geladen, moderiert von Yves Bossart. [ Man findet es bei youtube unter dem Titel „Wieviel Wachstum darf noch sein? Philosophischer Stammtisch Sternstunde Philosophier SRF Kultur.“ ] Mit dabei als Studiogäste sind der Vertreter der Postwachs-tumsökonomie Niko Paech, die Philosophinnen Katja Gentinetta und Simone Rosa Miller und der klassische Ökonomen Reiner Eichenberger (Video hier). Zusätzlich gibt es Einschätzungen von zwei weiteren Studiogästen – Alexandra Gavilano (Umweltwissenschaftlerin, Klimaaktivistin und Umwelt-schützerin bei XR – Extinction Rebellion Schweiz) sowie Matthias P. Müller (aus Zürich, liberaler Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, Vizepräsident der Jungfreisinnigen – quasi das Schweizer Jugend-FDP-Äquivalent).

 

 

War das tatsächlich eine „Sternstunde der Philosophie?“

Die Frage wird zum Ende hin beantwortet. Jetzt möchte ich erstmal nur sagen –  das dort Gesagte fiel teilweise leider weit hinter den Stand der aktuellen Erkenntnisse kritischer Theorie zurück. Deshalb ist es vielleicht mal notwendig und an der Zeit, Klartext zu reden und ungewohnt deutlich zu werden. Was insbesondere der Schweizer Ökonom Reiner Eichenberger in die Runde wirft, ist gekennzeichnet von Ideologie, nämlich im Wesentlichen von der „Harmonielehre des Marktes“, also das, was man uns seit Jahrzehnten einbläut, obwohl es längst an der Realität gescheitert ist (wäre es anders, würde diese Diskussion gar nicht notwendig). Wie immer hört man die Behauptung,„man müsse Marktwirtschaft nur richtig machen, dann würden die Probleme auch wieder verschwinden“. Teilweise widerspricht er sich dabei selbst, z.B. beim Thema Umweltschäden, was er meint auf „schlechte Politik“ abschieben zu können, obwohl die zum System dazu gehört, wenn man z.B. an all die Polit-Karrieristen und ihre Seilschaften, Korruption, kriminelle Mafia-Verstrickungen, persönliche Vorteilsnahme und Unterschlagungen usw. denkt, also Dinge, die unabhängig von der in einem Land herrschenden Geschichte, Kultur, Religion etc. auftreten. Sie sind also dem Kapitalismus zuzuordnen. Andererseits kann es aber aus dem gleichen Grund nicht überall die gleich schlechte Politik geben, weil verschiedene Länder auch andere ethisch-moralische Sichtweisen und andere historische Erfahrungen mitbringen. Davon abgesehen sind Eichenberger`s Argumente, Einwände und angeblichen Lösungswege bezüglich der Wachstumsfrage nicht nur in der empirischen Forschung längst widerlegt, sondern auch die wirklichen Ursachen theoretisch sehr plausibel hergeleitet und begründet worden (vgl. z.B. „Ein Widerspruch aus Stoff und Form“, Ortlieb/2008). Eine Sammlung an Links, die das zusätzlich belegen, ist wie gewohnt unter dem Artikel angefügt.

Herr Eichenberger haut sich die Taschen aber überraschenderweise so dermaßen voll, dass man als Zuschauer dann doch erstaunt ist und fast Mitleid bekommen könnte. Man sieht auch, wie im Publikum sich manche die Hand vor den Mund halten, um das Grinsen zu verbergen. Reiner Eichenberger hält als typischer Vulgärökonom die Marktwirtschaft, also die kapitalistische Produktions- und Lebensweise, für den quasi Naturzustand der Welt. Er kann sich offenkundig gar nichts anderes vorstellen. Er glaubt abgöttisch, was er da erzählt. Anstatt das angesichts der weltweiten Problemlage endlich kritisch zu hinterfragen, muss er sich Markt und subjektiven Wert als Problemlöser vor allem selbst immer wieder einreden und bestätigen, auch mit hanebüchenen, für den Zuschauer ganz offensichtlich falschen Argumenten, die vor allem von Niko Paech aber auch Simone Rosa Miller umgehend sehr anschaulich kritisch hinterfragt und widerlegt werden. Ich könnte da selbst noch jede Menge hinzufügen, möchte mir das aber an dieser Stelle allein aus Platzgründen ersparen und verweise lieber auf die zahlreichen Artikel auf dieser Seite, die dazu bereits reihenweise Argumente geliefert haben.

Identitätsstiftend betont Eichenberger dann auch auffällig seinen Status ein „Ökonom“ zu sein (er meint natürlich einen „bürgerlichen“ versteht sich…was auch sonst) und weist das auch den anderen in der Runde zu…offenbar gut gemeint als kleinsten gemeinsamen Nenner, da er sich schnell mit seinen Argumenten in der Defensive fühlt. Auch aus Sicht des Zuschauern erscheint das so. Wirklich retten kann ihn das aber nicht.

 

Hoch in den Schweizer Bergen

Sehr ähnlich mit Schieflage argumentiert auch die Dame neben ihm – Katja Gentinetta – die einem Technikfetisch anheim fällt und glaubt, die Ingenieure werden alle Probleme lösen. Also müsse man sich um sowas wie die Klimakrise nicht wirklich Sorgen machen, sondern nur Geduld haben und Vertrauen in die großen Hightech-Konzerne setzen. Dabei verursachen die ja oft sogar neue Probleme, die wir ohne sie gar nicht hätten. Niko Paech widerlegt das dann auch sehr gut. Und der Moderator sprich dann bezüglich des Vertrauens auf rein technische Lösungen auch von Technikblindheit. Aber woher kommt so eine Haltung, wie sie Frau Gentinetta vertritt?

Tja, die Schweizer Berge liegen eben recht hoch. Da kann man sich die Weltanschauung leicht und schön zurecht basteln. Man fühlt sich dort sehr sicher. Das Meer wird kaum bis da oben vordringen, wenn der Meeresspiegel steigt. Da fällt es manch bürgerlichem Subjekt scheinbar umso leichter auszublenden, dass weltweit längst reihenweise Küstengebiete unter Land gegangen sind und die Menschen aus ihrer angestammten Heimat endgültig und ohne Aussicht auf Rückkehr fliehen mussten. Selbst in Europa, aktuell in Venedig, musste gerade öffentlich der Notstand ausgerufen werden, da der berühmte Markusplatz durch ein Rekordhochwasser dauerhaft unter Wasser steht – siehe (Video 1) (Video 2) (Video 3) (Video 4). Da konnten selbst die Ingenieure mit einem Schutzmauerprojekt nichts mehr retten – Dank Korruptionsskandal übrigens – ein übliches, weil zum Kapitalismus immer gehörendes Phänomen, welches in Italien bekanntlich einen besonders festen Stammplatz inne hat.

Aber wen interessieren in der Schweiz schon Fakten, wenn man selbst gemütlich hoch oben in der Berghütte Glühwein schlürft oder in einem trockenen Baseler TV-Studio so vor sich hin philosophiert? Bei mir als Zuschauer hinterließ Katja Gentinetta eher den Eindruck, sich noch nie ernsthaft mit der Problemlage und dem Thema beschäftigt zu haben.

Richtig von ihrer Seite aus war zwar der Hinweis, dass Menschen den Drang haben kreativ und produktiv sein zu wollen, um selbst besser zu werden und auch das eigene Leben besser zu machen (*). Aber das bedeutet keineswegs, dass das zwingend zu einem ewigen oder gar destruktiven Wachstum führen muss und wir als Spezies unsere Mitwelt quasi der menschlichen, biologisch-mentalen Natur folgend zerstören müssen. Ein Biber verändert auch drastisch den Flusslauf, indem er Zweige heran schafft und damit Wasser aufstaut. Aber er wäre von Natur aus nie so dumm, es dabei so weit zu treiben, den Fluß zu verschmutzen oder zu zerstören, so dass er dort gar nicht mehr leben könnte oder vor ihm fliehen müsste. Auch die Indianer in Nordamerika hatten großen Respekt vor der Natur, jagden und töteten nur so viele Tiere, wie sie wirklich zum Überleben brauchten. Erst die weißen Trapper mit ihren Langbüchsen rotteten die Bisons fast aus – nur weil sie zeigen und beweisen wollten, dass sie es technisch konnten. Die Trapper waren in ihrer Denkform bereits kapitalistisch vergesellschaftet. Das machte den Unterschied.

Niko Paech gelang es glücklicherweise auch sofort, dieses Plädoyer als ursächlich für den Wachstumszwang zu entkräften. Dass es auch ein Wachstum an Wohlbefinden, innerer Ruhe und Kraft geben könnte, an mehr Freizeit, Zeit um in sich zu gehen, für Muße und Bildung, für die Familie usw. kam Frau Gentinetta gar nicht in den Sinn. Wie auch? Dem warenförmigen Subjekt erscheint das Leben oft nur als erfolgreicher Konsum. Haste was, biste was, haste mehr, biste mehr.

Zur Ehrenrettung der Schweiz sei übrigens angemerkt – es gibt dort auch großartige, weitsichtige Autoren, die das ganz anders sehen als Frau Gentinetta!


Wachstum verbieten oder Wachstumsgrenzen überwinden?

Hier schiebe ich zunächst ein, was die beiden zusätzlichen Studiogäste zum Thema sagen. Die Umweltforscherin Alexandra Gavilano wird zunächst nach ihrem Plan B befragt, wenn sich in der Klimapolitik nichts ändere. Genüge es, dass wir uns als Individuen einfach nur anders verhalten? Aus ihrer Erfahrung, so die Antwort, nein. An die individuellen Personen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und der Finanzwelt wurde seit Jahrzehnten appelliert – geändert habe sich grundsätzlich nichts. Sie sieht bzw. fordert deshalb einen Wertewandel, zu dem auch Maßnahmen wie sinnvolle Verbote gehören, wenn es nicht freiwillig geht.

Das ist sicherlich als Befund richtig. Ich würde sogar hinzufügen, dass übergangs-weise vieles im Alltag tatsächlich anders gestaltet und begrenzt werden könnte und angesichts der Problemlage auch müsste. Doch ein grundlegendes Problem übersieht Frau Gavilano dabei. Es hat einen triftigen Grund, warum alle Appelle ans Individuum nichts bringen. Ohne den Bezug zu den gesellschaftlichen Kategorien herzustel-len und grundsätzlich zu ändern, in denen die Individuen agieren und quasi syste-misch gefangen sind, werden auch Verbote langfristig erfolglos bleiben. Ich werde weiter unten noch näher darauf eingehen.

Der Wirtschaftsliberale Matthias Müller ist da ganz anderer Meinung. Er ist der Auffassung, menschliche Kreativität und Schöpfergeist hätten schließlich auch früher, z.B. schon in den 1970er Jahren vorausgesagte Wachsumgrenzen, überwunden. Warum solle das in der Zukunft nicht so sein?

Dem würde ich entgegnen, dass er damit gleich doppelt falsch liegt. Er verfehlt mit der Antwort nicht nur das Thema, denn es geht ja nicht darum, ob auch in Zukunft Ingenieure neue Technik, Kühlschränke, Handys und Autos erfinden und im materiellen Wachstumssinne bauen könnten – das bezweifelt niemand – sondern es geht darum, wie zerstörerische diese Art Produktion und Konsum dann sein werden, angesichts der Befunde, die wir heute schon weltweit sehen. Es mangelt ja auch heute keineswegs an Produktionsausstoß – und der wird zukünftig mit Hilfe der Digitalisierung der Produktionsfabriken sogar noch steigen. Er mißversteht die Logik und vor allem die Dynamik seines eigenen Gesellschaftsmodells und ignoriert, warum die Schäden heutzutage überhaupt auftreten. Primär zerstört niemand die Welt absichtlich. Warum auch? In Wahrheit ist das aber kein Nebeneffekt, der quasi nur aus Versehen oder Unachtsamkeit auftritt und der sich systemimmanent technisch leicht abstellen ließe, sondern er entspringt der gesellschaftlichen Inwertsetzung, die Müller natürlich als richtige, ja sogar einzig mögliche stillschweigend voraussetzt.

Ebenso fragwürdig bzw. in gewisser Weise falsch ist der Verweis von Matthias Müller auf andere Länder, z.B. in Asien, Afrika und  Südamerika, wo die Menschen bekanntlich auf die Straße gehen und demonstrieren, weil nicht genügend Wachstum vorhanden ist, da die jeweiligen Regierungen unzureichende juristische Grundlagen für die Rahmenbedingungen setzen und eine falsche Wirtschaftspolitik betreiben. Das stellt in Wahrheit niemand in Abrede, kein Postwachstumsökonom und nichtmal die schärfsten Kapitalismuskritiker, weil diese Länder sich in Weltregionen einer „nachholenden Modernisierung“ (Robert Kurz) befinden. Sie haben selbstverständlich ein historisches Recht auf Wachstum, um ebenfalls ein ausreichend hohes Lebensniveau erreichen zu können. Das heißt aber, dass wir im hoch entwickelten, reichen Westen, der das schon längst erreicht hat und bereits weit über seine Verhältnisse lebt, im Gegenzug endlich weniger Ressourcen verbrauchen müssten. Unser Verbrauch steigt jedoch.

Dieses Argument taugt also keineswegs, Wachstum per se zu erklären oder gar zu rechtfertigen, wie Müller das meint, sondern es zeigt lediglich auf, dass es rund um den Globus geschichtlich bedingte Unterschiede im Entwicklungsstand der Kapitalform gibt. Darauf gilt es einerseits Rücksicht zu nehmen und andererseits diese Länder aktiv in internationale Naturschutz- und Klimaziele mit einzubeziehen, soweit das angesichts der Wachstumsdynamik und den Erfordernissen gegenwärtig möglich ist. Wir, als Nutznießer der bisherigen Geschichte, müssten auf jeden fall vorangehen und sie dabei bestmöglich unterstützen, z.B. durch Wissenstransfer.

Blind in Bezug auf die Gesellschaftsform

Grundproblem dieser philosophischen Runde: die Studiogäste sind alle normale, kapitalistische Ökonomen oder können nur im Rahmen einer Konsum- und Warenwelt denken. Leider ist kein echter Kapitalismuskritiker dabei, vor allem keiner, die sich auf die Wertetheorie bezieht. Der könnte die Runde konsequent und komplett auseinandernehmen. Warum wurde z.B. ein Wirtschaftsautor wie Thomas Konicz nicht eingeladen? Der hat schon sehr viel zu dem Thema geschrieben und hätte echte Argumente. Seine Bücher zählen aktuell zum Besten, was es derzeit im deutschsprachigen Raum gibt. Aber vor solchen Leuten hat man natürlich Angst, denn die sprechen tiefer gehende Wahrheiten aus und werfen Fragen auf, die man fürchtet (s. Konicz.info).

Was an diesem „Philosophischen Stammtisch“ nämlich alle ausblenden sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ganze sozio-ökonomische Form – also die Warenform – so, wie sie unseren Alltag bestimmt.

Niko Paech kann ich durchaus zu 90% zustimmen, weil bzw. solange er sich argumentativ auf der Ebene des „stofflichen Reichtums“ (Karl Marx), der Natur und Ökologie bewegt, bin ich völlig bei ihm. Ich hab ihn persönlich schon getroffen und mit ihm diskutiert. Was er grundsätzlich vorschlägt halte ich sachlich gesehen für richtig. Er glaubt aber, das alles ginge problemlos und weiterhin warenförmig. Genau da hab ich ihm bei seinem Vortrag in Hamburg (im Werk 3/ das war so ca. 2010/2011) widersprochen und Fragen gestellt, die er dann auch nicht mehr schlüssig beantworten konnte. Da lag ökonomisch gesehen sein blinder Fleck. Ich werde das gleich näher beleuchten. Diesen blinden Fleck führt hier in der gesamten Fernseh-Runde auch niemand als Argument für Wachstum an (soviel zum Thema „wir sind alle Ökonomen“), so dass die wirklich relevanten Argumente für den Zuschauer verborgen blieben. Wo keine Präsenz, da keine Wahrnehmung. Die echten, nämlich gesellschaftlich gesetzten Gründe für den Wachstumszwang blieben so leider völlig ausgeblendet. Genau deshalb ist diese Diskussionsrunde dem Zuschauer leider so manches schuldig geblieben… Ein guter Grund, jetzt näher darauf einzugehen.

 

Warenform, Wertschöpfung und Wachstum

Warenform bedeutet immer Wertschöpfung. Kapitalismus basiert auf „abstraktem Reichtum“ und somit immer auf dem kaufmännischen Wertschöpfungsprinzip. [ Niko Paech spricht das auch kurz mal an, spinnt den Faden aber leider nicht weiter. ] Das bestimmt alle wirtschaftlichen Zyklen. Es funktioniert aber nur, wenn die Finanzen und das Gesamtsystem inkl. des Produktionsausstoßes wachsen.

Grund: Der Wert einer Sache wird durch die monetäre Form selbst dann festgehalten, wenn das Produkt längst verbraucht ist, also z.B. aufgegessen wurde (z.B. Nahrungsmittel, Süßigkeiten etc.). Dieser abstrakte Wert wird dann (in die Geldform verwandelt) zum Ausgangspunkt für den nächsten Verwertungszyklus. Es bildet sich ein selbstreferenzielles, quasi automatisches Feedbacksystem (bildlich eine Wachstumsspirale) mit allmählich exponentiellem Anstieg. Damit meine ich keineswegs nur Zins- und Zinseszinseffekte, wie manch einer vielleicht denken mag. Zinsen im engeren Sinne gehören durchaus zum Problem, sind aber nur ein (Kosten-)Faktor unter vielen. Das Wesen des Problems ist viel allgemeinerer, denn es ist ursächlich untrennbar mit der Warenform verbunden. Kein kapitalistischer Warenproduzent stellt überhaupt irgendwas für menschliches Bedürfnis her, wenn er hinterher nicht mehr Geld in der Tasche hat, als am Anfang. Und die dabei erzielten Gewinnmargen sind deutlich höher als Zinsen. Das wird bei solchen Diskussionen stets übersehen, weil es objektiv als auch in der Denkform des Marktsubjektes tief verankert, so dermaßen systemimmanent ist, also schon vor jedem Gedanken existiert, dass es als unabänderlich vorausgesetzt wird. In der Psychoanalyse von Siegmund Freud ist es das kollektiv Unbewusste, das „Es“. Es ist immer da, bevor überhaupt ein erster, halbwegs klarer Gedanke gefasst werden kann. Karl Marx charakterisierte den Kapitalismus deshalb auch als Fetischgesellschaft. Dem Fetischisten erscheint das hingegen als normal. Daran zu rütteln wäre glatt Blasphemie.

Doch genau da liegt die Crux. Je mehr Waren historisch produziert wurden, desto höher war deren monetäre Repräsentanz, also der Gesamtwert. Es musste auch stetig mehr Geld in Umlauf gebracht werden, bis z.B. Anfang der 1970er Jahre die Golddeckung des Dollars nicht mehr aufrecht zu halten war, da es nicht genug Gold dafür gab. Mehr ließ sich damals schon nicht fördern; von heute, wo in jedem Land in Milliarden oder gar in Billionen gerechnet wird, ganz zu schweigen.

Bewegungsmuster des Kapitals

Das Kapital strebt automatisch immer zum Maximalprofit und hat mit Bedürfnisbefriedigung rein gar nichts zu tun, denn es produziert ebenso Mangel, wie z.B. Hunger, Wohnungsnot usw. Ebenso hat es nichts mit Gier zu tun (**), wie es der Moderator Yves Bossart zum Ende hin meint, sondern es liegt in der Logik der Strukturen des kapitalistischen Verwertungszusammenhangs selbst, denen es tief eingeschrieben ist. Wachstum ist als Rahmenbedingung für den Verwertungsprozeß (= „Die Verwertung des Wertes“, Robert Kurz) objektiv(!) notwendig und eben keine Frage des subjektiven Willens. Sowie das Wachstum stagniert oder gar rückläufig wird, kriegt der Kapitalismus deshalb auch ein massives Problem. Wer als kapitalistischer Moderator Yves BossartDienstleister oder Warenproduzent in der Marktkonkurrenz zurückfällt oder durch unbeglichene Zahlungsforderungen im Wachstum ausgebremst wird, gerät selbst in finanzielle Schieflage, kann letztendlich „freiwillig“ bzw. aktiv dicht machen oder bekommt Besuch vom Konkursverwalter, weil im eigenen Unternehmen zu viele Rechnung offen bleiben. Dann wird der Laden notfalls unfreiwillig geschlossen. Erzeugt das einen Dominoeffekt in der ganzen Wirtschaft, dann ist Krise. Lohnabhängig Beschäftigte landen beim Arbeitsamt. Massenkaufkraft geht verloren.

Das ist immer und weltweit überall gleich, also objektiv und gesetzmäßig, d.h. unabhängig von Land und Leuten, Moral und Ethik, Religion und Kultur, dem Entwicklungsstand von Wissenschaft und Technik etc. – wobei es eigentlich nicht so sein müsste, denn es handelt sich ja nicht um ein Naturgesetz (auch wenn es wie ein Naturgesetz unabhängig vom Bewusstsein wirkt), sondern um ein gesellschaftliches Gesetz – nämlich das des Marktes und der inneren Funktionslogik des Geldes (kaufmännische Regeln). Es sind nur soziale Formen und deshalb auch kein echter Sachzwang! Es handelt sich soziologisch gesehen rein um gesellschaftliche Konventionen. Es wäre also veränderbar.

Naturzerstörung und negative Klimabeeinflussung sind also in der Endkonsequenz keineswegs unabänderliche Notwendigkeiten und Erscheinungen, sondern Ergebnisse eines der Tauschlogik basierenden Wirtschaftssystems. Schon heute handeln viele Länder so, als wenn wir mehrere Planeten Erde zur Verfügung hätten (siehe Balken Grafik „Ressourcenverbrauch“).

Grafik Ressourcenverbrauch im Vergleich

Grafik Ressourcenverbrauch im Vergleich

Umgang mit Zeit als Charakteristikum

Richtig ist vielmehr das Argument von Niko Paech, dass man die allgemeine Arbeitszeit drastisch absenken müsste, auf 20 h und langfristig sogar auf 5 bis 10h, also durchschnittlich maximal 2 h Arbeit pro Tag. Mehr braucht man für ein gutes Leben aller Menschen bei unserem hohen technologischen Entwicklungsstand nicht. Selbst im Mittelalter haben die Menschen bekanntlich nur 4 h gearbeitet und man kannte nur Wasserräder,  Windmühlen, Pferde und Ochsen als Antriebsmittel. Nur – das war auch keine bezahlte Lohnarbeit bzw. wäre – in die Zukunft gedacht – keine „Arbeit“ im heutigen Sinne mehr, sondern das wären unbezahlte aber dafür durchweg sinnvolle, konkrete Tätigkeiten im Sinne des Gemeinwohls, wozu auch Produktion und Dienstleistungen zählen. Sie wurden (historisch) und würden (utopisch) ausgeführt, weil sie sinnstiftend und notwendig sind, also dem Leben und der Gemeinschaft dienen. Dann könnten auch alle heutigen Gründe entfallen für Umweltzerstörung, Ausbeutung, Plastik-Müllberge, die Produktion von Produkten, die schlecht oder gar nicht mehr zu reparieren sind usw.

Das setzt zukünftig allerdings eine strikte Demokratisierung des Wirtschaftslebens voraus (Basisdemokratie, PARECON = Partizipative Ökonomie) bzw. ein Räte- und Allmende-System, aus dem Englischen kommend auch oft als Commons bezeichnet.

Kapitalismus jedoch ist dadurch gekennzeichnet und charakterisiert, dass die bestimmende Tätigkeitsform ihrem Wesen nach „abstrakte Arbeit“ ist. Diesen abstrakten Charakter würde sie zukünftig in einer nicht-warenförmigen Ökonomie, die der direkten Bedürfnisbefriedigung dient, verlieren zugunsten von „konkreter Arbeit“ bzw. besser konkreten Tätigkeiten (Allmendieren, Commoning). Das Grundprinzip wäre langfristig gesehen und nach einer Übergangsperiode nicht mehr der Tausch (Äquivalententausch mit Geld als Königsware), sondern das bewusste Beitragen nach dem Prinzip des additiven Nutzens (vgl. auch „Die violette Wirtschaftsvision“, 2013). Die Strukturen würden auf Kooperation basieren, anstatt auf Konkurrenz.

Beitragen anstatt Tauschen

In einer warenförmigen Wirtschaftsform, einer Tauschgesellschaft, hängen Markt, Geld, abstrakte Arbeit und Wachstumszwang also strukturell zusammen. Der bürgerliche Staat ist lediglich der Wachhund, der mit scharfen Zähnen (Gewaltmonopol, Justiz, Polizei usw.) sowie lautem Bellen (Ideologien, Propaganda, linientreue Medien) darauf aufpasst, dass das auch so bleibt.

In einer nicht-warenförmigen Wirtschaft könnten alle Tätigkeiten, die vorher nur wegen der Form „Kapital“ und des Geldes wegen existierten, entfallen. Man bräuchte kein Geld mehr. Man bräuchte damit auch keine Sicherheitsdienste für Geldtransporte, keine Banker, keine Steuerberater, keine Hedgefond-Manager, keine Finanzbeamten, keine Börsenmakler und sonstigen Spekulanten. Die Polizei hätte es mit deutlich weniger Kriminalität zu tun. Viele Personengruppen, könnten nun ebenfalls produktiv tätig werden oder nützliche Dienstleistungen für das Gemeinwohl ausführen. Dadurch könnte sich der Rest an notwendiger Arbeitszeit bzw. Tätigkeitszeit auf alle Schultern verteilen lassen. Das würde zu einer massiven Absenkung der „Arbeitszeit“ sowie zu einem Sinken des „Renteneintrittsalters“ führen. Dieser richtige Umgang mit Zeit wäre ein typisches Merkmal, eine  Hauptcharakteristik einer natürlichen Wirtschaftsform, einer Ökonomie im ursprünglichen Sinne, die an der Sache, ökologischen Notwendigkeiten und sozialen Maximen orientiert ist, also orientiert an einem guten Leben für alle, anstatt an der Jagd nach abstraktem Maximalprofit für wenige.

Fazit: Spannend ist diese TV-Diskussion im SRF auf jeden Fall – es lohnt sich das anzuschauen. Teilweise ist es insofern zumindest eine kleine „Sternstunde der Philosophie“, weil endlich mal verbal Widerspruch gegen die ewig gleichen Scheinargumente vorgebracht wird, die sich in der Praxis ohnehin längst blamiert haben, aber dennoch immer und immer wieder kommen, weil deren Protagonisten sich hartnäckig weigern umzudenken. Lieber ignoriert man, was nicht zur eigenen Lehre paßt oder versucht das irgendwie zu integrieren. Man wiederholt das, was man jahrelang eingetrichtert bekommen hat. Niko Paech hat dazu gelernt. Er konnte dafür nicht in Gänze auf vorgefertigte Lehren zurückgreifen, sondern musste seinen Gedanken erst selbst entwicklen,  um zu neuen Einsichten zu kommen. Deshalb Wirken seine Argumente auch fundiert und glaubwürdig, in sich (fast schon) vollständig schlüssig. Den Rest an blindem Fleck hatte ich ja oben schon benannt. Drücken wir die Daumen, dass auch der irgendwann noch verschwinden wird.

„Das Geld ist nicht nur eine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis.“ (Karl Marx, 1847 in »Das Elend der Philosophie«)

„Die Grenze des Kapitalismus ist das Kapital.“ (Karl Marx)

Erstaunlicherweise ist von Geld in der ganzen Wachstumsdebatte beim SRF gar nicht die Rede. Es gibt aber noch ein deutlichen Zeichens, welches gegenwärtig das bevorstehende, historische Ende des kapitalistischen Weltsystems ankündigt – und das hat was mit Geld zu tun. Wir leben im Zeitalter des Negativzins. Das ist nicht nur das Ende des heutigen Finanzsystems, wie der Moderator des folgenden Videobeitrages Ernst Wolff meint (s. Video), was durch ein „demokratisches Geldsystem“ irgendwie noch zu kitten wäre, sondern das Ende der Tauschlogik und der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise an sich (***). Das Negativzins-Dilemma ist lediglich der äußere Ausdruck davon, der an der Oberfläche zusammen mit Umweltschäden, Klimaschäden, Artensterben usw. sichtbar wird. Dem liegt durch die Warenform ein tief greifenden Wertesystem in der Produktions- und der Konsumwelt zugrunde, welches auf abstrakter Arbeit und unendlicher Wertverwertung ausgelegt ist (= Mehrwertproduktion) und dazu eben ein unendliches Wachstum als notwendige Randbedingung braucht. Der Grund kapitalistischer Krisen ist und bleibt immer der Mangel an Mehrwertproduktion. Und der erscheint in der abstrakten Form des Geldes.

Holger Roloff, 23. November 2019

(*) – dieses Argument ist sozusagen kurios, weil äußerst „flexibel“. Hier wurde es als Grund für das Wachstum vorgetragen. Im Zusammenhang mit Diskussionen um ein Grundeinkommen wird es hingegen unterschlagen und stattdessen unterstellt, der Mensch sei per se faul und mit einem BGE würde ja niemand mehr arbeiten. Das zeigt, auf welchen Widersprüchen die Denkform bürgerlicher Ökonomie generell basiert…

(**) – dieses Argument ist durch die Sozialforschung vielfach untersucht und widerlegt worden; Gier entspringt einem inneren, emotionalem Mangelzustand und tritt nur auf, wenn die gesellschaftlichen Normen ein derartiges Verhalten erlauben, rechtfertigen oder gar belohnen, was im Kapitalismus bekanntlich der Fall ist.

(***) – das Argument bedeutet allerdings nicht, dass ein demokratisiertes Geldsystem z.B. durch Gründung einer Monetative, keine gute Idee wäre. Für den Übergang zu einem anderen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem jenseits von Markt und Geld könnte so eine neues Geld durchaus helfen, diesen Übergang besser zu ermöglichen und wirkungsvoll zu gestalten.

————————————————————————————————-

Eine Perspektive des zivilen Widerstandes ist möglich, aber nur dann sinnvoll, wenn sich wirklich substanziell etwas ändert. Andernfalls verhallen alle FFF-, Naturschutz- und Klimaschutzproteste in einem nur grün lackierten „weiter so wie bisher“. Wir brauchen das Ende aller Kriege, eine massive Abrüstung und den Beginndes Aufbaus eine humanen Wirtschaftssystems! Ein Standpunkt von Jens Wernicke für KenFM (hier)

„Ein Widerspruch von Stoff und Form“: (hier online) und (hier als PDF)

Die 4.Dimension als unlösbarer Widerspruch des Kapitals (hier)

Im Jammertal von EZB und Niedrigzins (hier)

Langfristig müssen wir viele Küstenstädte einfach aufgeben – Klimaexperte äußert sich BILD (hier)

Marktwirtschaft schön grün lackiert (hier)

Erüberlastungstag auf Wanderschaft (hier)

#AlleFürsKlima bei #FridaysForFuture (hier)

Wohin geht der ökonomische Trend…? (hier)

Fabian Schilder: 16-Punkte-Programm für den sozial-ökologischen Umbau (hier)

Wohlstand neu erfinden – welche echten Alternativen es gibt (hier)

Was bedeutet ein Epochenwechsel – ein größer Blick auf den Wandel (hier)

Wachstumszwang, Konsumverhalten, Narzissmus hängen in der bürgerlichen Psyche zusammen und nehmen zutiefst katholische Züge an – Hans-Joachim Maaz im Gespräch (Video)

Buch: Die Öko-KatastropheDie Öko-Katastrophe – das Buch mit Berichten aus aller Welt zum Tempo des Klimawandels (hier) Interview dazu mit Dirk Kohlmann (Video)

Fragen zum Stand der Klimaforschung an Harald Lesch und Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf (Video)

„Ohne Systemtransformation wird die Erhaltung der Lebensgrundlagen der Menschheit nicht gelingen“ – Telepolis Interview mit Ingenieur und Soziologen Dr. Wolfgang Neef (hier)

Print Friendly

Maueröffnung – und was dann?

Die große Freiheit ist es nicht gewordenHeute begeht ganz Deutschland ein historisches Jubiläumdie Maueröffnung vor 30 Jahren am 9. November 1989. Ich kann mich selbst gut daran erinnern, wie ich als Student im letzten Semester, also gerade mit der Diplomarbeit befasst, zusammen mit meinen Kommilitonen im Studentenwohnheim in Dresden, mit Spannung die im DDR-Fernsehen übertragende, legendäre Pressekonferenz verfolgte. Uns war sofort klar, was das vom Prinzip her bedeutete, was Günter Schabowski (Info) da vom provisorischen Kladdezettel verkündete (hier). Reisefreiheit! Das wurde prompt auch in der AKTUELLEN KAMERA, dem DDR Äquivalent zur westdeutschen TAGESSCHAU, offiziell bestätigt.

Endspiel - Die Revolution von 1989 in der DDRWas wir noch nicht wussten  „im Tal der Ahnungslosen“, wie Dresden, tief im Elbtal liegend, im Volksmund scherzhaft genannt wurde, weil es dort keinen Empfang von Westradio und Westfernsehen gab, war, dass die Ostberliner Schabowski wörtlich Namen und sich sofort an der Mauer versammelten, die dann noch am gleichen Abend unter dem emotionalen Druck der Bevölkerung spontan geöffnet wurde. Die Zeit war endgültig reif dafür.

Begeisterung und Glücksgefühle

Die in den nächsten Tagen und Wochen folgende Euphorie war unbeschreiblich. Ein nie gekanntes Glücksgefühl ließ das Energieniveau im ganzen Osten ansteigen. Es begann für sechs Monate tatsächlich eine Zeit, die einen Vorgeschmack  darauf brachte, was echte Demokratie und Pressefreiheit ab jetzt sein könnten. Die Stasi-Zentralen wurden gestürmt. Die Rathäuser wurden geöffnet und runde Tische gegründet. Das Volk übernahm an vielen Orten direkt die Verantwortung für gesellschaftlich relevante Fragen. Im Idealfall hätten eine echte Räterepublik oder eine deutsch-deutsche Konföderation aus zwei Staaten entstehen können, die dann vielleicht sogar allmählich historisch zusammen wachsen würden, unter demokratisch allgemein akzeptierten, fairen Bedingungen.

Buchtitel Raubzug OstDDR-Bürgerrechtler erarbeiteten Grundsätze dafür, d.h. für einen echten Sozialismus, so wie er 40 Jahre lang versprochen, aber nie gekommen war. Eine Riege vor allem alter, ignoranter Männer, Ex-Stalinisten und Politbüro-Kader der SED hatte alle Reformversuche der DDR bislang erfolgreich verhindert. Würde der Westen es zulassen, dass solche Reformen nun eine reelle Chance bekommen würden?


Wendezeit war reif

Vorausgegangen waren bekanntlich in der Herbst-Wendezeit 1989 regelmäßige Massendemonstrationen in allen großen Städten der DDR. Man wollte eine friedliche Wende von der Strasse aus schaffen. Das gelang.  Die dafür notwendige, kritische Masse war erreicht. Der sich allgemein angestaute Unmut, der Ärger, die politischen und juristischen Repressalien, die wachsende Anzahl an Ausreiseanträgen sowie die ab Sommer `89 zunehmende Zahl an Flüchtlingen in Richtungen Westen, bedingt durch die Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich,   addierten sich zu einer revolutionären Situation, die sich nun Bahn brach. Der DDR-Obrigkeit war schnell klar, dass sich all das nicht wieder so einfach zurückdrehen lassen würde. Der Drops war gelutscht, zumindest für die alte SED-Riege.

 

Buchtitel Wer verkaufte die DDR?

Deutschmark als Weiche

Der Ende der 80er Jahre amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl erkannte die historisch einmalige Chance. Er sprach mit allen relevanten Vertretern der alliierten Westmächte sowie der Sowjetunion, die den 2. Weltkrieg gewonnen und sowohl Westberlin, als auch letztendlich ganz Deutschland nach 1945 unter sich aufgeteilt hatten. Besonders wichtig waren dabei die Haltung von US-Präsident Ronald Reagan sowie Michael Gorbatschow im Moskauer Kreml. Beide stimmten bekanntlich einem vereinigten Deutschland zu. Als Zünglein an der Wage blieb also die DDR-Bevölkerung selbst. Wie würde sie sich letztendlich entscheiden?

Dann setzte die West-Propaganda-Maschine ein (s. Video des Politkabarett aus Die Anstalt 11.11.2019).

Schließlich gelang Helmut Kohl ein geschickter politischer Schachzug. Er verknüpfte die schnelle Einführung der D-Mark mit der Frage der deutschen Wiedervereinigung. Das eine bedingt das andere. Käme die deutsche Einheit, dann auch mit ihr die D-Mark. Mit Honig fängt man Fliegen.

Damit kippte die Stimmung. Als Kohl in Dresden öffentlich auftrat und in seiner Rede die historische Einheit in Aussicht stellte, jubelten die Masse mit Deutschland-Fahnen in der Hand, während wir als Studenten ein Pfeifkonzert intonierten. Wir taten das aus gutem Grund, denn uns war klar, was da auf uns zukommen würde. Eine eigenständige Fortsetzung der Moderniserungsgeschichte im Osten würde ersetzt durch die reine Profitmaximierungslogik. Die rhetorische Figur der „blühenden Landschaften“, die mit dem Kapitalismus kommen würden, würde sich langfristig gesehen als eine Mogelpackung erweisen und zu einem großen Katzenjammer führen.

Buchtitel Die Treuhändler - Wie Helden und Halunken die DDR verkauftenDoch das wollte damals kaum jemand wahr haben. Die ersten freien Wahlen wurden zugunsten der CDU entschieden. Man feierte die Deutsche Einheit. Alle Konten wurden abgewertet und auf Westmark umgestellt. Die Revolution war abgewürgt worden und die Chance auf eine echte Veränderung vertan. An die Stelle der alten traten nun neue Machthaber. Anfangs schmerzte das allerdings nicht so sehr, da die Euphorie über die Wende noch vieles kaschieren konnte. Doch das sollte sich bald  ändern. Schon 1992 wuchs der Frust der Einheimischen im Osten und es kam vermehrt zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen (wie hier) und Morden.

 

KoKo-Bonzen und Milliarden

Auch aus den eigenen Reihen der DDR-Wirtschaftsbonzen heraus wurden die Weichen umgestellt und die DDR-Bevölkerung verraten und verkauft. Die KoKo – kurz für Kommer-zielle Koordinierung – die Spezialabteilung von Alexander Schalck-Golodkowski (Info), hatte auf den finalen Verlauf der Wende maßgeblichen Einfluss. In der Woche vor dem diesjährigen Jubiläum der Maueröffnung liefen im TV der Dreiteiler „Der Preis der Freiheit“ (Infos hier) sowie eine Dokumentation, die speziell die Ereignisse rund um die KoKo beleuchteten. Als Schalck, der auch nicht vor höchst Buchtitel - Die Übernahmekriminellen Machenschaften zurückschreckte, um Devisen für die DDR ran zu holen, erkannte, dass die politische DDR-Führung völlig unfähig und unwillig war, insbesondere die DDR-Wirtschaft zu reformieren, änderte sich in der KoKo die Einstellung. Das neue Motto lautete „Kein Feind, kein Freund – nur noch gute Kunden“. Dabei hätte allein(!) die KoKo so hohe finanzielle Mittel in ihrem internationalen Firmennetzwerk gehabt, darunter 21 Mrd. DM in Goldbarren, um alle offenen Verbindlichkeiten der DDR begleichen zu können. Eigentlich gehörte dieses Vermögen der DDR-Bevölkerung, der es zuvor in weiten Teilen geraubt worden war, doch es wurde illegal beiseite geschafft und ist bis heute nie wieder aufgetaucht.

So kam es insgesamt, wie es als Folge aus all dem kommen musste. Die DDR Bürger verkauften ihre selbstbestimmte Zukunft ans Kapital. Der Osten wurde einfach an die BRD angeschlossen. Der DDR wurden die Westgesetze übergestülpt. Die Geschäfte wurden mit Westwaren geflutet. Die Eigentümer wechselten. Die Mieten explodierten. Die Ost-Bürger trafen sich in langen Reihen auf den Arbeitsämtern beim Ziehen von Nummern in den Warteschlangen wieder. Die Ex-DDR-Bonzen („Wendenhälse“ genannt) sicherten sich über Seilschaften ihre Pfunde und die Masse der DDR-Bürger, einschließlich derer, die sich für die Wende eingesetzt hatten und auf die Straße gegangen waren, wurden erneut über den Tisch gezogen. Wie sehr, ahnten viele damals noch nicht.

 

Der deutsche Goldrausch - die wahre Geschichte hinter der TreuhandTreuhand und totaler Ausverkauf

Auch das nächste Kapitel war kein Glanzpunkt der Nachwendegeschichte. In der DDR gab es kein Staatseigentum, wie viele vielleicht meinen, sondern Volkseigentum. Der Wert aller Betriebe, Maschinen, Gebäude, Grundstücke usw. hätte eigentlich über die neue Institution namens Treuhandanstalt (Info hier) (siehe auch „Der deutsche Goldrausch“, Dirk Laabs „) im Bestand erfasst und dann auf 16 Mio. DDR-Bürger zu gleichen Anteilen aufgeteilt werden müssen – als faires Startguthaben.

Das wäre wahrlich eine echte Volksaktie gewesen und hätte zumindest den bisherigen Ungerechtigkeiten der DDR symbolisch und praktisch ein Ende setzen und einen fairen finanziellen Neuanfang ermöglichen können. Mit diesen Anteilen an den Betrieben, hätte jeder selbst entscheiden können, ob sie behalten, veräußert oder kaufmännisch und betrieblich durch einen technisch und organisatorisch erneuerten Geschäftsbetrieb genutzt würden.

So hätte die Masse der DDR-Betrieben möglicherweise durchaus erhalten und auf modernsten Stand nachgerüstet werden können. Damit wären ein Großteil der Massenarbeitslosigkeit gemildert und eine breite finanzielle Absicherung und ein Neustart möglich gewesen. Stattdessen wurden die Betriebe bekanntlich billig verramscht und die Betriebskonten von den neuen Eigentümern geräumt. Der Kapitalismus des Westens brauchte den Osten nur als Markt. Die Mitarbeiter wurden gestaffelt zunächst auf Kurzarbeit gesetzt und dann entlassen. Die Maschinen wurden ins Ausland verkauft und die Grundstücke und Gebäude ebenfalls veräußert. Natürlich so gut wie immer durch Spekulanten aus dem Westen, die ja nun die neuen Eigentümer waren.

Was war die DDR wert? Die große Enteignung

Ebenso lief es bei der KoKo. Deren Mitarbeiterin Margot Spindler wandelte die KoKo-Firmen in GmbH um, räumte deren Konten und fuhr diese GmbH dann systematisch an die Wand, wie der genannte TV-Dreiteiler auch zeigt.

 

Frust hinter polierten Fassaden

Kommt man heute in den Osten, sieht alles saniert und supermodern aus. Glasgebäude, die denen in Hamburg und München in Nichts nachstehen. Äußerlich floß jede Menge Geld aus dem Westen in die Sanierung, was die Kohl-Regierung durch eine entsprechend großzügige Steuerpolitik auch forcierte. Da waren sie, die blühenden Landschaften. Doch an was die  DDR-Bürger nicht gedacht hatten, war, was hinter den Fassaden steckte, welche gesellschaftliche Bedingungen zur kapitalistischen Produktionsweise zwangsläufig dazu gehören.

Es gibt unzählige Geschichten von kleinen und großen Betrügereien aus der Nachwendezeit, von Schenkungskreisen über Anlagebetrug bis zur dreisten Abzocke in allen nur erdenklichen Varianten. Dazu gesellte sich eine Unmenge an klassischer Kriminalität. Ganze Banden aus West- und Osteuropa zogen ihre faulen Nummern im Osten ab.

In einer ebenfalls gerade ausgestrahlten Spiegel-TV-Dokumentation über die Stadt Zeitz wurde außerdem gezeigt, wie die Innenstädte veröden und die Wohnungsnot dramatisch angestiegen ist. Für so manchen, so berichtete dort eine Einwohnerin, die sich mutig und engagiert in die Marktwirtschaft gestürzt und selbstständig gemacht hatten, blieben am Ende nur Schulden, finanzieller Bankrott, Depressionen und ein Strick um sich aufzuhängen (s. Video bei YouTube).

 

Die Treuhand - wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffteSelbstmord  in verschiedenen Formen

Schon in der Wendezeit war die Zahl der Selbstmorde dramatisch gestiegen. Viele Ex-DDR-Getreue kamen mit dem Zusammenbruch des alten Regimes nicht klar und nutzen die Dienstwaffe für einen letzten Gnadenschuss gegen sich selbst, was in „Der Preis der Freiheit“ auch gezeigt wurde. Doch das all dies jetzt gleichsam in der doch angeblichen so tollen, neuen Freiheit passierte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die berechtigte Enttäuschung bei den einst Kohl zujubelnden Ostdeutschen.

Der Frustpegel ist heute enorm. Gerade dort, wo damals am euphorischsten gejubelt wurde, ist die Stimmung spätestens in den 2010er Jahren völlig gekippt. Man wählt dort jetzt, 30 Jahre später, aus Frust und Protest vor allem auffällig oft die AfD, womit man sich allerdings freimütig der nächsten Selbsttäuschung hingibt, denn die AfD ist die neue Partei der Restriktionen. Sie will am liebsten mit starker, national geführter Hand noch stärker durchgreifen und den Menschen noch mehr an kapitalistischen Zumutungen abverlangen, anstatt diese zu beenden. So käme man endgültig vom Regen in die Traufe. Die AfD zu wählen ist eine Art politischer Selbstmord zweiten Grades. Das ganz böse Erwachen ist damit schon vorprogrammiert.

 

Die Flachzangen aus dem WestenDemokratieabbau und Marktdiktatur

Was bleibt also vom Tag der Maueröffnung und der Wendezeit? Ich war selbst in der DDR-Opposition aktiv und möchte die alte DDR um keinen Preis wieder haben. Viele Bereiche des Lebens haben sich seit 1989 trotz der hier beschriebenen Entwicklungen und Ereignisse dennoch insgesamt positiv entwickelt. Die Betonung liegt also auf trotz. Jeder kleine Fortschritt muss dem Kapital mühsam abgerungen werden. Daran hat sich nichts geändert.

Die Hoffnung auf die nächste, echte Wende, ohne Vereinnahmung durch Herrschaftseliten, ist aber keineswegs verschwunden. Gerade jetzt zum 30. Jubiläum wird das an zahlreichen Beiträgen in den alternativen Medien deutlich. Daran zu erinnern ist auch der Grund für diese Zeilen. Die Revolution wurde nicht vollendet.

Wissenschaftler fassen die aktuelle Lage durchaus kritisch und präzise zusammen (Video). Deutschland anno 2019 ist durch einen starken  Demokratieabbau und durch Neoliberalismus, also eine Diktatur des Marktes charakterisiert. Das ist die Wahrheit hinter der Farce namens „freie Marktwirtschaft“. Der Osten hat sich von bunten, glitzernden Waren in Schaufenstern täuschen lassen, wie einst die Indianer von Glasperlen. Man ist dem System längst zum Opfer gefallen. Der Mensch ist per Lohnarbeitskraft selbst zur Ware  geworden, die nun auf dem Arbeitsmarkt wie Vieh Warum die Lämmer Schweigengehandelt wird. Bleibt die Nachfrage aus, wird es allerdings schnell trübe. Der Kapitalismus produziert Überflüssige, Obdachlose und Elend nämlich genauso wie Sahnetrüffel und Autos. Das wurde 1989 ausgeblendet. Arbeitslosigkeit gehört zum System dazu, denn regiert wird durch Angst.

Diese Wahrheit wollte keiner hören, obwohl man es hätte besser wissen können. Die historische Chance auf echte Selbstbestimmung wurde so vertan, einst geködert über ein Begrüßungsgeld und geschickte politische Weichenstellungen, mit denen der Sack schließlich zu gemacht wurde. Ist die Katze erst im Sack, ist der Katzenjammer groß…hinterher, versteht sich. (vgl. auch Daniela Dahn Klappentext, der das haargenau auf den Punkt bringt).


Absichten vs. Fehler-Rhetorik

So sind die Wende, die Maueröffnung und die Entwicklungen bis heute ein zwiespälti-ges Stück Geschichte. Alles hätte absolut und relativ gesehen viel besser laufen können. Die jetzt oft zitierten „Fehler im Einigungsprozess“ unterstellen zumeist Versehen. Doch genau das waren sie nicht! Wer all die Bücher über die Nachwendezeit, die Treuhandanstalt und „Den Schnee von gestern…“ liest, dem wird schnell klar, dass damit seitens der Protagonisten, vor allem aus dem Westen, klare Absichten verbunden waren. So viele dumme Fehler kann niemand machen. Dahinter steckte ein klares Kalkül (vgl. auch Gesprächsrunde „9.Nov.`89 – Der Beginn vom Ende des Neuanfangs?“ bei KenFM).

 

Die Wahrheit, die keiner hören will

Ich konnte das in diesem Beitrag alles nur wage andeuten, was wirklich nach der Maueröffnung im Osten mit den Menschen abgelaufen ist. Die Wahrheit ist noch viel schlimmer, als es der willige Leser ahnt. Man muss es selbst detailliert nachgelesen haben, um es zu begreifen.Buch "Der Schnee von gestern" von Daniela Dahn

Der Kapitalismus hat sich am Osten gesund gestoßen und den großen Reibach gemacht. Es war der größte Raubzug aller Zeiten, einmalig in der bisherigen Weltgeschichte. Daran änderte auch ein Solidaritätszuschlag auf dem Lohnzettel nichts…und wie wurde darüber gejammert…

Die Bevölkerung wurde in den letzten 20 Jahren außerdem und zusätzlich vom „Kanzler der Bosse“ Gerhard Schröder und der neoliberalen Politik im Merkelismus dermaßen geschröpft und übers Ohr gehauen, dass es erneut ganze Bücher füllen wird, das alles aufzuarbeiten (permanente Steuergeschenke an die Industrie und Reichen, Cum-Ex-Geschäfte, MWSt.-Betrug durch Dreiländergeschäfte, Bad Banks, Hartz IV-System usw.). Das kommt also noch dazu, denn davon war hier ja noch gar nicht die Rede. Das wäre einen komplett  eigenen Beitrag wert.

Egal womit man anfängt sich über all die Entwicklungen und Machenschaften zu informieren – all die kritischen Analysen zu lesen ist auf jeden Fall ein guter Anfang. Nur wer Bescheid weiß, wird in der Lage sein, sich zukünftig nicht erneut verschaukeln zu lassen und bessere Entscheidungen zu treffen.

»Die Zukunft wird durch den Charakter derjenigen vorbestimmt, die sie zu gestalten versuchen.« (aus STARGATE ATLANTIS, US-SciFi-Serie)

 

Holger Roloff, 09. November 2019

 


Was geschah ab 18:57 Uhr vor 30 Jahren? BILD schaut zurück und lässt alles im Liveticker Revue passiert (hier)

Boxenstopp: 9. November 1989 – 30 Jahre Mauerfall – ein rücklichkendes Interview mit Bernd Leyon bei youtube für KenFM (hier)

Der Blick zurück – Mauerfall am 9. November 1989 – bei Tagesdosis 09.11.2019 mit Hermann Ploppa (hier)

Nachdenken über 25 Jahre Mauerfall: Russland-bashing anstatt Dankbarkeit – der Original-Beitrag bei KenFM von 2014 zum Nachhören (hier)

Echter Sozialismus statt Einheitsbrei! Eine Erinnerung an die größte Demo im Herbst `89 von Andreas Peglau bei Tagesdosis 11.11.2019 (hier)

Zur Sache/KenFM: 9. November 1989 – Der Beginn vom Ende des Neuanfangs? (Video)

Honeckers Absetzung offenbart dessen Ignoranz gegenüber der politischen Wirklichkeit – Augenzeuge Günter Schabowski erzählt, wie das im Politbüro ablief (Video)

Warum es bei der Herbst-Revolution in der DDR nicht zu Gewalt Seiten des Staates kam, zeigen die Erinnerungen von Egon Krenz (Video)

30 Jahre Mauerfall – Die bewegendsten SPIEGEL TV-Momente (Video)

Ein Lied brachte schon 1992 die Lage im Osten auf den Punkt – DRITTE WAHL mit ihrem satirischen „Verlorenes Paradies“ – besungen wird hier natürlich nicht etwa die DDR, sondern die vertane Chance auf einen echten Neuanfang (hier) (Songtext hier)

Buchtitel Der Kollaps der ModernisierungEs steht sehr schlecht um unsere Demokratie Prof. Mausfeld rückt bei den „Palais Gesprächen 2019 zum 30. Jahrestag des Mauerfalls“ die Zusammenhänge ins Bewusstsein (Video)

Was bedeutet ein Epochenwechsel (hier)

Wohlstand neu erfinden (hier)

Ministerium für Glück und Wohlbefinden (hier)

Recht auf Abstimmung über ein BGE eingefordert (hier)

Vortrag über Alternativen zum Kapitalismus (hier)

Medien, macht und Manipulation (hier)

Preissteigerung und Werte(verfall) (hier)

Das Goldenen Kalb namens Arbeit (hier)

Wachsender Überwachungsstaat – warum eigentlich? (hier)

Wesen und Irrationalität der warenförmigen Gesellschaftsform (hier)

Des armen (Raub)Ritters neue Ideen (hier)

Der Teufel und die Horrormärchen (hier)

 

Print Friendly

Das Elend des bürgerlichen Subjektes

Die Opioid-Krise in den USA (Infos hier) führt uns vor Augen, wo die Entwicklung im Neoliberalismus langfristig hinführen kann. Ohne Selbstbetäubung geht nichts mehr (hier). Wie die ARD Tagesschau berichtete, zählt man dort im Schnitt 130-140 Tote pro Tag!!! Man liest bittere Schlagzeilen wie „Die Menschen sterben wie die Fliegen“ / als PDF) und „Die betäubten Staaten von Amerika“ /als PDF). US-Präsident Donald Trump musste offiziell sogar den Notstand ausrufen (Notstand wegen „Opioid-Krise“ als PDF) (130 Tote – jeden Tag / als PDF).

Medikamentenmissbrauch gibt es hierzulande ebenfalls. Viele schlucken Tabletten, um den Tag überstehen und den Druck auf Arbeit noch aushalten zu können. Das ist Bestandteil des mentalen Niedergang analog zur wirtschaftlichen Krise des gesamten kapitalistischen Weltsystems (hier), die oft auf den Einzelnen abgewälzt wird. Auch der Chef spürt den Druck und gibt ihn nach unten weiter. In den Familien setzt sich das nach Feierabend fort. Eine echte Erholung ist nicht mehr möglich. Die Energie muss irgendwo hin und nimmt destruktive Formen an. Ähnlich sieht es bei Studenten und Schülern aus. Koma-Saufen an Wochenenden war vorvorgestern. Es kehrte längst der Alltag ein, zu dem neben Gewalt auch Drogen gehören.

Subjektiv-mentale Überlastung

Diese auf das einzelne Individuum abgewälzte Krise lässt sich zunehmend für viele subjektiv nicht mehr allein bewältigen, besonders dann, wenn man spirituell und intellektuell nicht aufwachen will, sondern am Bestehenden meint festhalten zu können oder aus seinem Umfeld nicht rauskommt bzw. keinen Halt finden kann. Das Bauchgefühl wird immer schlimmer. Die Sorgen wachsen. Sich zu betäuben erscheint da vielen der einfachste, weil bequemste Weg zu sein. Und die Pharma will nur all zu gerne ihre Mittelchen verkaufen und wirbt dafür. Verdrängen, anstatt sich die Sachen bewusst zu machen, anstatt Achtsamkeit und Empathie zu entwickeln und sich den Themen zu stellen. Dazu addieren sich die im Unterbewusstsein ohnehin schon vorhandenen Traumatisierungen, vor allem aus der Kindheit. Es fehlt oft nur ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

In den USA hat dieser Trend im Zuge der ökonomischen Verelendung ganzer Regionen dramatische Ausmaße angenommen – mit insgesamt 400.000 Toten!!! Wer dieses Jahr die TV-Dokumentationen von Markus Lanz gesehen hat, hat bereits einen Eindruck von der Dramatik vor Ort in den US-Bundesstaaten bekommen. Es geht hier nicht um klassische Drogen-Junkies wohlgemerkt, sondern betroffen ist der ganz normale Mittelstand. Konsumiert werden offiziell als Schmerzmittel erhältliche Opiate. Dabei ist es oft nur ein kleiner Schritt dorthin, wo der Leichtsinn beginnt. Auch finanziell sehr erfolgreiche Personen sind davon betroffen, Künstler, Musiker, Geschäftsleute, nicht nur etwa Leute aus dem Armutsviertel. Dort sitzen eher die meist schwarzen, kleinen Dealer und warten auf ihre weiße Kundschaft, wie das Team von Markus Lanz anschaulich dokumentiert hat.

Doch die meisten Leute, ohnehin ohne Bewusstsein davon, sich soziologisch gesehen im „falschen Leben“ zu befinden,  scheitern in Folge des ökonomischen Niedergangs auf breiter Front im Alltag. Reaktion? Sie flüchten – bestenfalls zu Religionen (Gott als Erlöser/wobei religiöse Gruppen aber immerhin noch den intuitiven Wunsch nach Gemeinschaft zeigen), in irrationale Esoterik (Wahrnehmungsverschiebung hin zu Scheingründen und Scheinauswegen) oder oft eben leider auch in Betäubungsmittel. Das chemische Lösungsmittel Alkohol gilt dabei als akzeptiertes „Kulturgut“ und bildet die Basis…bis selbst das nicht mehr ausreicht und schrittweise zu härteren Mitteln gegriffen wird.

Verhältnisse haben sich verschoben

Sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich in den USA verschoben, nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich. Bedenkt man, dass die USA wegen der knapp 3000 Toten vom Worldtrade Centre (Infos hier) in den so genannten „Krieg gegen Terror“ gezogen waren, um noch mehr Unschuldige im Irak abzuschlachten, so wird das Ausmaß der gegenwärtigen Schieflage deutlich. Das sind jetzt 100 mal mehr Tote! Hinzu kommen ca. 13.000-15.000 Tote pro Jahr durch Schusswaffen bzw. Unfälle mit Waffen in normalen US-Haushalten (Statistik bei Statista.de).

Rechnet man alle Waffen-Toten der USA seit 1775 auf, starben im Schnitt 31.500 Amerikaner pro Jahr. Seit 1968 sind in den USA mehr Leute durch die eigenen Schusswaffen gestorben, als Soldaten und Zivilisten in allen offiziellen US-Kriegen zusammen (hier) und (Grafik hier)!!! Die Waffenlobby NRA findet das akzeptabel (Infos hier) und verteidigt privaten Waffenbesitz als angebliches Grundrecht, was als US-amerikanisches Spezifikum zur Problemlage dazu kommt.

Dazu addieren sich natürlich noch Tabak- und Alkoholtote, klassische Selbstmorde, indirekte Tötungen durch Unfälle, Verkehrstote und natürlich Tote durch ernäh-rungsbedingte Zivilisationskrankheiten (Herzversagen, Krebs, Autoimmunerkankungen, Burn Out, Depressionen usw.). Die Notlage ist insgesamt also sogar weit größer, als öffentlich wahrgenommen. Die Zusammenhänge verschwimmen nur oder wollen ungern erkannt werden.

Blutige Vernunft

Wer zieht deswegen in den Krieg? Und wogegen eigentlich? Natürlich niemand, denn der Feind ist das bestehende Gesellschaftssystem selbst. Dollars, Dollars, Dollars… Money make the world go around. Das lieben die Amis – bis in den Tod. Manche Intellektuelle verfassen sogar Bücher wie „Rettet den Kapitalismus“ (Robert B. Reich / USA) oder „Sozialer Kapitalismus!“ (Paul Collier / UK / Oxford Prof.). Das verstehe wer will. Selbst ein gewisses kritisches Einsehen hat offenkundig harte, geistige Schranken. Man kann oder will es nicht anders sehen. Wer die tieferen Zusammenhänge dieses pathologischen, bürgerlichen Subjekt-Bewusstseins in Bezug auf die Gründe noch besser verstehen will, dem sei das Buch „Blutige Vernunft“ des deutschen Philosophen / Soziologen Robert Kurz – empfohlen – ein intellektueller Hochgenuss, dessen scharfsinnigen Gedanken zu lesen. Es geht also auch anders.

Der historische Feind

Nicht nur der Faschismus als politisch-historische Herrschaftsform tötete massiv Menschen. Der aktuell herrschende Neoliberalismus ist ihm auf seine Art auf der Spur. Hunderte US-Militärbasen in der Welt (s. hier) sind unnütz. Sie schützen die Amerikaner nicht. Sie richtigen ihre Waffen im Außen auf andere, während sie sich im Inland tagtäglich selbst gegenseitig töten. Sie brauchen gar keine Feinde. Sie sind sich selbst Feind genug.

Kapitalismus tötet – nicht nur Tiere und die Natur – auch Menschen – und zwar egal welche politische Form er annimmt. Das war schon immer so. Das zeigt seine historische Entwicklung, wenn man mal Geschichtsbücher aufschlägt und die letzten Jahre Dokus aufmerksam verfolgt hat. Das weiß insgeheim eigentlich jeder…

Der dennoch vorhandene Zynismus und die Ignoranz des Neoliberalismus gegenüber der eigenen Bevölkerung kann natürlich locker mit den historischen Nazis aus der Zeit des historischen Faschismus des 20. Jhd. mithalten. Die in der Endkonsequenz jeweils dahinter stehende, menschenverachtende Haltung läuft auf das gleiche Ergebnis hinaus. Nur die Ideologien zur Krisenverdrängung, die zur Begründung herangezogen werden, variieren etwas, wobei es historisch drei Hauptströmungen gibt (Liberalismus, Etatismus, Rassismus). Die drei tauchen in der ein oder anderen Form immer wieder auf, bis heute.

Geistige Entwicklung als nachhaltiger Lösungsweg

Wer die Welt verändern will, muss seine Haltung verändern! Besser wäre natürlich das Bestehende emotional und inhaltlich loszulassen und stattdessen eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Gesamtverhältnisse zu beginnen. Das würde das Bewusstsein und Energielevel erhöhen. So ließe sich das Elend des bürgerlichen Subjektform beenden. Doch das fällt vielen schwer. Es erfordert eigene Denkfehler zu korrigieren, sich von altbekannten Gedankenmustern und Dogmen zu verabschieden und einen Aufwand an sich selbst zu betreiben – Selbstreflexion, Selbstveränderung, um neue Einsichten zu gewinnen, die der Wirklichkeit entsprechen. Das ist der gesündere, spirituelle Weg. So entstehen vor dem geistigen Auge wieder neue Perspektiven, die uns als Zivilisation aus der Misere herausführen können. Schaffen wir das nicht, können wir an den Entwicklungen in den USA heute schon erkennen, wo das unter Umständen auch bei uns hinführen könnte.

Holger Roloff, 27. Oktober 2019


Die Opioid-Kride in den USA (Audiobeitrag hier)

Vortrag in Hamburg zur Weltkrise (hier)

Die Sache und ihr Abbild – wie Ideologie entsteht (hier)

Wie falsche Spiritualität zur Ideologie wird (hier)

Abrüstungsvorhaben jetzt unterstützen (hier)

Für eine globale Friedenspolitik (hier)

Preissteigerung und (Werte)verfall – Neoliberalismus im Visier (hier)

Wie die typisch politischen Muster des Neoliberalismus in der Praxis funktionieren zeigt gerade das Bsp. Ecuador (hier)

Der Neoliberalismus verkündete einst seine Neue Weltordnung – die New World Order (NWO)  – SANDOW reflektieren das kritisch im Zusammenhang mit ihrer eigenen, ostdeutschen Geschichte (hier)

Mit welcher Selbstverständlichkeit und Mentalität sich Kapitalisten in Europa und Deutschland mit Betrügereien durch Cum-Ex-Geschäfte auf Kosten der Allgemeinheit die Taschen voll machten (hier) und (als PDF).

Die geistigen Mechanismen, aus denen Ursachenverdrängung und Ideologien, Fremdenfeindlich, Flucht in Drogen oder Waffen entstehen, sind überall gleich – hier am Bsp. von Deutschland beleuchtet von Rüdiger Lenz bei Tagesdosis 30.10.2019 (hier)

Die Verbindung von Politik und Spiritualität – Liebe ist die Substanz des Glücks, welches wir wir uns selbst als Rahmen zulassen können (hier)

Wer auf der Suche nach Wahrheit ist, sollte Wahrhaftigkeit und Authentizität anstreben (hier) (als PDF)

Wie der Kapitalismus echte Demokratie historisch verhindert, untergraben und zerstört hat zeigt besonders das Beispiel des noch immer vorherrschenden Neoliberalismus – Prof. Mausfeld ruft bei den „Palais Gesprächen 2019 zum 30. Jahrestag des Mauerfalls“ die Zusammenhänge in Erinnerung (Video)

Wie Neoliberalismus erstmals in die Welt kam, wie das Kapital elementare, demokratische Grundrechte abbaut und Geldströme stets ins eigene Portemonnaie umleitet – ein Kommentar von Dagmar Henn (hier)

Im selben Kescher – Die Menschenmacher und wir – ein Kommentar von Rüdiger Lenz für Tagesdosis 27.11.2019 (hier)

Wachstumszwang, Konsumverhalten, Narzissmus hängen in der bürgerlichen Psyche zusammen und nehmen zutiefst katholische Züge an – Hans-Joachim Maaz im Gespräch (Video)

Wie sieht es im demokratischen System der USA aus? Können die Bürger politisch nichts erreichen und verbessern? Dr. Jill Stein (Grüne Partei) berichtet (Video)

Print Friendly

Das Renten-Dilemma

Wie die Mainstreampresse berichtet (siehe BILD-Bericht) (BILD-Bericht als PDF) plädiert keine geringere Instanz als die Bundesbank für eine weitere Anhebung des Rentenalters. In kleinen Dosen verabreicht, soll der Bevölkerung so die Rente gekürzt werden.

Perfide ist das insbesondere deshalb, weil verbunden ist das Plädoyer mit der Behauptung, nicht nur die Arbeitszeit würde sich dadurch verlängern, was angesichts der massenweisen Wegrationalisierung von Arbeitskräften seit den 1970er Jahren (s. hier) schon ein Anachronismus ist, sondern angeblich würden die Leute auch länger Rente beziehen. Wie bitte? Wie denn das?

Was sie nicht sagen: Das wäre nur der Fall, wenn sich die Lebenserwartung deutlich erkennbar überproportional(!) verlängern würde. Davon kann man jedoch keineswegs ausgehen (s. Abb) bzw. (s. Statistik hier) und (statistische Prognose per Lebensalteruhr), insbesondere, wenn die Arbeitsbelastung (Intensitätserhöhung, Überstunden usw. – also was wir heute schon überall sehen – Thema Burn Out, Depressionen etc.) und die Lebensarbeitszeit sich gleichzeitig weiter erhöhen sollen!

Statistik - Entwicklung des Lebenszeitalters in Deutschland

Statistik – Entwicklung des Lebenszeitalters in Deutschland Quelle. de.statista.com

Der Vorschlag ist angesichts wachsender Produktivität und in Zeiten der berechtigten Forderung nach einem allgemeinen Grundeinkommen also nicht nur absurd, sondern basiert im Grunde auf einer dreisten Lüge, weil die Prognose bezüglich der Rahmenbedingungen unvollständig ist und nicht dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entspricht. Außerdem wird der ökonomischen Gesamtzusammenhang hinsichtlich der Auswirkungen der weiteren Technisierung verschwiegen. Der Vorschlag läuft also dem Trend der Automatisierung völlig zuwider. Die Bevölkerung wird schlicht gesagt für dumm verkauft.

Resultat der Krisenverschärfung

Mit dem Vorschlag der Bundesbank reagieren die kapitalistischen Instanzen in Wahrheit nur auf die öffentlich verschwiegene, innere Krise des Systems und den wachsenden Mangel an realer Mehrwertproduktion (vgl. akt. Stand der Wissenschaft dazu „Ein Widerspruch aus Stoff und Form“, Ortlieb/2008).

Zu erwarten ist vielmehr, dass sich in den kommenden 10-15 Jahren die Digitalisierung in der Produktion, im Handel, im Dienstleistungsbereich und bei Behörden, im Gerichtswesen u.v.a. Bereichen, also im primären, sekundären und tertiären Sektor der Gesellschaft durchsetzt und Rationalisierungspotentiale umsetzt, die alles bisher gekannte deutlich(!) übersteigen. Die Krise des Kapitals wird sich dadurch weiter verschärfen.

Die sich dadurch ergebende, reale Entwertung aller Kapitalformen wird bewirken, dass sich die Arbeitslosigkeit in Richtung 10 Mio. allein in Deutschland bewegen wird (vgl. hier). Manche Prognosen gehen sogar von 18 Mio. aus (siehe hier). Den damit einhergehenden Verlust an Kapitalvermehrung, Lohneinkünften und somit Einzahlern ins Rentensystem sieht die Bundesbank klar auf uns zukommen – deshalb erfolgt ihr Vorschlag. Anstatt das System jedoch zu ändern, was die historisch jetzt gebotene, richtige Lösung wäre, möchte sie die Menschen dazu verdonnern, einfach länger im heutigen System zu arbeiten.

Der vorgeschobene „Anpassungsbedarf“ wegen „demographischer Entwicklungen“ ist ein Scheinargument einer typisch neoliberalen, marktkonformen Ideologie. Demographische Entwicklungen könnten durch Produktivitätszuwächse (zumindest auf Seite der notwendig zu produzierenden Güter = stofflicher Reichtum) nämlich locker kompensiert werden. Dazu hat man sie ja (unter anderem). Nur auf der Seite des Kapitalismus (Geldzuwachs = abstrakter Reichtum) funktioniert das nicht mehr. In Wahrheit ist der Vorschlag der Bundesbank also einer, der nicht im allgemeinen Interesse der Bevölkerung liegt, obwohl sie natürlich genau das behauptet (= langfristige Stabilisierung des Rentensystems). Es geht dabei einzig und allein um den Erhalt des kapitalistischen Funktionssystems, nicht um die Menschen. Die Menschen sind dem System völlig egal und beliebig austauschbar.

Renten-Frage braucht eine adäquate Lösung

Eine Kapital gesteuerte Gesellschaft, in ihrer hoch entwickelten Phase, hat es im Kern also mit einem Dilemma zu tun, welches innerhalb der bisherigen Funktionslogik nicht mehr lösbar ist. Die Grenzen des objektiv möglichen sowie subjektiv zumutbaren sind erreicht. Getrieben von der Weltmarktkonkurrenz in der Globalisierung, versucht die Industrie die Produktivität durch den nächsten Schritt der totalen Digitalisierung (Industrie 4.0, Logistik 4.0 usw.) zu steigern und so wettbewerbsfähig zu halten, beschleunigt dabei aber automatisch und gesamtökonomisch gesehen das Abschmelzen der Mehrwertproduktion, weil die Substanz des Kapitals (= menschliche Arbeit) aus dem Prozess allmählich heraus genommen wird. Dadurch brechen die Einnahmen basierend auf menschlichen Arbeitslohn ein. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie lohnabhängig beschäftigt oder selbstständiger Arbeit nachgehen. Die Binnenkaufkraft kann dauerhaft nicht aufrecht erhalten werden. Das macht sich schrittweise überall bemerkbar. Das System untergräbt seine eigenen, ökonomisch-wertmäßigen Grundlagen (s. auch hier) und (hier). Bisher wurde das nur durch Staatskredite und die private Finanzwirtschaft künstlich noch aufrecht erhalten und quasi subventioniert (Fiat-Money, also fiktiv gebildetes Kapital durch Finanzderivate und Ausdehnung der Kreditwesens in der reinen Zirkulationssphäre des Geldes vgl. hier).

Eine ernst zu nehmende Lösung kann nur mit dem Trend, also mit der weiteren Automatisierung und langfristig vorwärts über den Kapitalismus hinaus gedacht werden. Erster vernünftiger Schritt wäre die Einführung eines – so könnte man es nennen –  SGE – eines Souveränen  Grundeinkommens (1.500 € / Stand 2019), das hoch genug ausfällt, um wirklich am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen zu können, ohne ökonomisch vom System erpressbar zu sein, also gewährt unabhängig vom bisherigen Lebens-Arbeitsbeitrag. Das würde alle Menschen eines Landes in ihrem Existenzrecht bedingungslos anerkennen und  vom individuellen Wertschöpfungsbeitrag unabhängig stellen. Mit diesem Tabula Rasa hätten sich Altersarmut und das Renten-Dilemma auf einen Schlag erledigt. Wie man das sogar wertschöpfungsunabhängig finanzieren kann, ist hier bereits mehrfach erörtert worden (s. hier) und (hier).

Holger Roloff, den 22. Oktober 2019


Wohin geht ökonomisch der Trend (hier)

Die Krise des Tauschwerts – mit Vorbemerkungen (hier)

Digitalisierung im Kapitalismus (hier)

Debatte um eine Maschinensteuer (hier)

Zukunft der Arbeit – Automatisierbarkeit des eigenen Berufes erfahren (hier)

Im Jammertal von EZB und Niedrigzins (hier)

Wohlstand neu erfinden (hier)

Was bedeutet ein Epochenwechsel (hier)

 

Print Friendly
Zitat des Moments
"Ein Land, das versucht, durch Steuern reich zu werden, ist wie ein Mann, der in einem Eimer steht und versucht, sich selbst am Henkel nach oben zu ziehen." (Sir Winston Churchill)
Hauptsache Commons
Hauptsache Commons

TRANSFORMIEREN WIR DIE WELT ZUSAMMEN !

Hinweise und Berichte zu Projekten und Werkzeugen, welche für die Erschaffung einer lebenswerten Gesellschaftsform dienlich sind -
via Website und Newsletter !

Nächste Termine
  • Keine Termine.
Infos anfordern!
Bleibe informiert mit Infos über Die Violetten in und für Hamburg

E-Mail:

Name:

HH-Stadtteil:

Ja, bitte!
Kein Bedarf mehr

Seite übersetzen
Eine Hartz4-Geschichte
Hartz-Haustuer
4 / 7°C
bedeckt
Südwind
Windrichtung
10 km/h
Geschwindigkeit
90%
Niederschlag?
Online-Petitionen
Online-Petitionen

Eine Seite, wo man unkompliziert aktuelle Petitionen unterzeichnen oder auch selbst eine ins Leben rufen kann.

Energiewandel in HH
Energiewandel in HH
Auch unterwegs dabei!
Mobile Website

Unsere Website wird auf einem Smartphone, iPad oder Handy lesefreundlich dargestellt - probiere es mal aus!