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(Quelle: Handelsblatt Online, 18.05.11)

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Kannibalen, Zucker und Klassenkampf

Heute möchte ich auf die Übersetzung eines Artikel aus Griechenland im Feuiletton der FRANKFURTER ALLGEMEINEN hinweisen (hier), um einen Blick auf die aktuelle Situation zu bekommen.

In „Kurz vorm Kannibalismus“ beschreibt der griechische Autor  YIANIS MAKRIDAKIS sehr deutlich, wie dramatisch die Lage inzwischen für die Bevölkerung geworden ist. Es geht unmittelbar an das Existenzrecht der Menschen. Junge Leute haben vielleicht noch den Mut der Verzweiflung, das Land gen Norden auf der Suche nach Arbeit zu verlassen. Älteren Jahrgängen, vielen Eltern oder Menschen, die ihre Angehörigen vor Ort pflegen müssen, dürfte das jedoch eher versagt bleiben.

Ein anderer Aspekt ist, dass auch althergebrachte Vorstellungen der „Linken“, auf die vielleicht noch viele hoffen, verloren sind. Gemeint ist die Vorstellung vom „Klassenkampf“ als geeignetem Mittel der politischen Auseinandersetzung in Gesellschaft und im Wirtschaftsleben.

Dieser Griechenland-Artikel macht anschaulich, dass es im Fall eines Miteinanders des sich gegenseitig Fressens und Gefressenwerdens keine Option mehr ist, gegen zu kleine Anteile (Lohn) an der Wertschöpfung als Klasse zu „kämpfen“, wenn es doch den meisten nur darum geht, doch überhaupt und endlich wieder „in Arbeit zu kommen“. Das geht logisch nicht mehr auf und hat kein strukturelles Macht- und Gegenpotential, denn anstatt gegen die Wirkungen des Wertgesetzes (Vernutzung menschlicher Lebensenergie) müsste die „Arbeiterklasse“ ja dafür kämpfen, endlich wieder in diese Verhältnisse der Ausbeutung rein zu dürfen. Man kann sich aber nicht in Arbeit hineinstreiken, denn sie wird allein und objektiv durch das Maß und Niveau der Kapitalverwertung bestimmt und ist somit kein Akt des subjektiven Willens. Außerdem bedeutet das, dass die Kategorien (Ware, Geld, Arbeit, Markt, Kapital) des kapitalistischen Gesellschaftsmodells schon da sein müssen und nicht etwa erst durch den Klassenkampf bestimmt werden, wie manche linke Theoretiker meinen. Nun sind die Arbeiter quasi endlich „frei“ davon und die blöden Kategorien verschwinden trotzdem nicht…

Der einstmals historische „Klassenkampf“, der für die Durchsetzungsgeschichte des Kapitals sowie dessen Regulatonsregime noch eine tragende Bedeutung hatte, ist in den starken kapitalistischen Kernländern längst zahnlos und zu einem Modell der Hegemonialherrschaft geworden, in dem die lohnabhängig Beschäftigten längst in den gleichen Kategorien wie die Unternehmer denken. Das Sein wird alles andere als adäquat wahrgenommen. Die Vorstellungen werden verwässert, weich gespült und „schwimmen sogar in Milch“ (deutscher Werbeslogan für ein Produkt aus Industriezucker). Die Vorstellungen von der warenproduzierenden Moderne werden positiv besetzt, naturalisiert, ontologisert  und so letztlich mystifiziert. Kein Wunder also, dass sich niemand weltweit zu helfen weiß, dass man in Gewalt und destruktive Vorstellungen wie Rassismus und Ausgrenzung flüchtet. Das bürgerliche Subjekt ist damit restlos überfordert, die Krise zu verstehen und bewusstseinsmäßig zu verarbeiten. Und wird dann mal was als Erklärung und Lösung ausgebrütet, dann nur alte, nostalgische und längst überholte und theoretisch widerlegte Illusionen von einem „anderen Geld“  oder einem anderen Modus des Kapitalismus („Freiwirtschaft“, „demokratischer  Sozialismus“, „soziale Marktwirtschaft“), ohne ihn jedoch in den Grundfesten ernsthaft zu hinterfragen oder in Zweifel zu ziehen. „Alles soll so bleiben wie es ist“ (anderer Werbeslogan für ein Produkt aus Industriezucker).

In der Summe bleibt festzustellen – die Lage ist mehr als ernst in Griechenland und es ist keine Lösung in Sicht! Selbst die Flucht junger Arbeitskräfte aus der europäischen Peripherie, ja sogar aus Spanien, oft in Richtung Deutschland, dem verheißungsvollen Wunderland, wo noch Milch und Honig zu fließen scheinen, ist eine trügerische Option. Hier verschlingen die potentiellen Kannibalen auch reichlich ihren geliebten Industriezucker und am Ende vielleicht sogar alle, die meinen hier Zuflucht finden zu können. Das könnte in noch größeren Bauchschmerzen für alle Beteiligten enden, als sie heute schon bestehen. Was da am Ende unverdaut ausgeschieden wird, das kann auch ein destruktives, ideologisches Potential in sich bergen. Das Unwissen und die falsche Selbstwahrnehmung sind hier nämlich keineswegs anders ausgeprägt. Ganz im Gegenteil.

Es gilt also weiter – bedingungslose Solidarität mit den Menschen in und aus Griechenland!

weitere Artikel zum Thema Griechenland:

Krokodile für Griechenland (hier)

Das Griechische Paradox (hier)

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1 Kommentar to “Kannibalen, Zucker und Klassenkampf”

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