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"Wenn Frau Merkel glaubt, sie kann die abgeschalteten Kernkraftwerke einfach wieder einschalten lassen und einfach 110 anrufen, wenn es Protest gibt, ist sie bei uns falsch verbunden", sagte Rainer Wendt, Verbandschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, dem Handelsblatt Online.

(Quelle: Handelsblatt Online, 18.05.11)

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Die Wachstumsfrage und der Umgang mit Zeit

SRF - Sendung Sternstunde e der PhilosophieBeim SRF – (Schweizer Radio und Rundfunk) gab es gerade eine TV-Diskussion in Basel, die nun auch bei youtube zu sehen ist. In der Fernseh-Reihe „Sternstunde“ wurde zum „Philosophischen Stammtisch“ geladen, moderiert von Yves Bossart. [ Man findet es bei youtube unter dem Titel „Wieviel Wachstum darf noch sein? Philosophischer Stammtisch Sternstunde Philosophier SRF Kultur.“ ] Mit dabei als Studiogäste sind der Vertreter der Postwachs-tumsökonomie Niko Paech, die Philosophinnen Katja Gentinetta und Simone Rosa Miller und der klassische Ökonomen Reiner Eichenberger (Video hier). Zusätzlich gibt es Einschätzungen von zwei weiteren Studiogästen – Alexandra Gavilano (Umweltwissenschaftlerin, Klimaaktivistin und Umwelt-schützerin bei XR – Extinction Rebellion Schweiz) sowie Matthias P. Müller (aus Zürich, liberaler Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, Vizepräsident der Jungfreisinnigen – quasi das Schweizer Jugend-FDP-Äquivalent).

 

 

War das tatsächlich eine „Sternstunde der Philosophie?“

Die Frage wird zum Ende hin beantwortet. Jetzt möchte ich erstmal nur sagen –  das dort Gesagte fiel teilweise leider weit hinter den Stand der aktuellen Erkenntnisse kritischer Theorie zurück. Deshalb ist es vielleicht mal notwendig und an der Zeit, Klartext zu reden und ungewohnt deutlich zu werden. Was insbesondere der Schweizer Ökonom Reiner Eichenberger in die Runde wirft, ist gekennzeichnet von Ideologie, nämlich im Wesentlichen von der „Harmonielehre des Marktes“, also das, was man uns seit Jahrzehnten einbläut, obwohl es längst an der Realität gescheitert ist (wäre es anders, würde diese Diskussion gar nicht notwendig). Wie immer hört man die Behauptung,„man müsse Marktwirtschaft nur richtig machen, dann würden die Probleme auch wieder verschwinden“. Teilweise widerspricht er sich dabei selbst, z.B. beim Thema Umweltschäden, was er meint auf „schlechte Politik“ abschieben zu können, obwohl die zum System dazu gehört, wenn man z.B. an all die Polit-Karrieristen und ihre Seilschaften, Korruption, kriminelle Mafia-Verstrickungen, persönliche Vorteilsnahme und Unterschlagungen usw. denkt, also Dinge, die unabhängig von der in einem Land herrschenden Geschichte, Kultur, Religion etc. auftreten. Sie sind also dem Kapitalismus zuzuordnen. Andererseits kann es aber aus dem gleichen Grund nicht überall die gleich schlechte Politik geben, weil verschiedene Länder auch andere ethisch-moralische Sichtweisen und andere historische Erfahrungen mitbringen. Davon abgesehen sind Eichenberger`s Argumente, Einwände und angeblichen Lösungswege bezüglich der Wachstumsfrage nicht nur in der empirischen Forschung längst widerlegt, sondern auch die wirklichen Ursachen theoretisch sehr plausibel hergeleitet und begründet worden (vgl. z.B. „Ein Widerspruch aus Stoff und Form“, Ortlieb/2008). Eine Sammlung an Links, die das zusätzlich belegen, ist wie gewohnt unter dem Artikel angefügt.

Herr Eichenberger haut sich die Taschen aber überraschenderweise so dermaßen voll, dass man als Zuschauer dann doch erstaunt ist und fast Mitleid bekommen könnte. Man sieht auch, wie im Publikum sich manche die Hand vor den Mund halten, um das Grinsen zu verbergen. Reiner Eichenberger hält als typischer Vulgärökonom die Marktwirtschaft, also die kapitalistische Produktions- und Lebensweise, für den quasi Naturzustand der Welt. Er kann sich offenkundig gar nichts anderes vorstellen. Er glaubt abgöttisch, was er da erzählt. Anstatt das angesichts der weltweiten Problemlage endlich kritisch zu hinterfragen, muss er sich Markt und subjektiven Wert als Problemlöser vor allem selbst immer wieder einreden und bestätigen, auch mit hanebüchenen, für den Zuschauer ganz offensichtlich falschen Argumenten, die vor allem von Niko Paech aber auch Simone Rosa Miller umgehend sehr anschaulich kritisch hinterfragt und widerlegt werden. Ich könnte da selbst noch jede Menge hinzufügen, möchte mir das aber an dieser Stelle allein aus Platzgründen ersparen und verweise lieber auf die zahlreichen Artikel auf dieser Seite, die dazu bereits reihenweise Argumente geliefert haben.

Identitätsstiftend betont Eichenberger dann auch auffällig seinen Status ein „Ökonom“ zu sein (er meint natürlich einen „bürgerlichen“ versteht sich…was auch sonst) und weist das auch den anderen in der Runde zu…offenbar gut gemeint als kleinsten gemeinsamen Nenner, da er sich schnell mit seinen Argumenten in der Defensive fühlt. Auch aus Sicht des Zuschauern erscheint das so. Wirklich retten kann ihn das aber nicht.

 

Hoch in den Schweizer Bergen

Sehr ähnlich mit Schieflage argumentiert auch die Dame neben ihm – Katja Gentinetta – die einem Technikfetisch anheim fällt und glaubt, die Ingenieure werden alle Probleme lösen. Also müsse man sich um sowas wie die Klimakrise nicht wirklich Sorgen machen, sondern nur Geduld haben und Vertrauen in die großen Hightech-Konzerne setzen. Dabei verursachen die ja oft sogar neue Probleme, die wir ohne sie gar nicht hätten. Niko Paech widerlegt das dann auch sehr gut. Und der Moderator sprich dann bezüglich des Vertrauens auf rein technische Lösungen auch von Technikblindheit. Aber woher kommt so eine Haltung, wie sie Frau Gentinetta vertritt?

Tja, die Schweizer Berge liegen eben recht hoch. Da kann man sich die Weltanschauung leicht und schön zurecht basteln. Man fühlt sich dort sehr sicher. Das Meer wird kaum bis da oben vordringen, wenn der Meeresspiegel steigt. Da fällt es manch bürgerlichem Subjekt scheinbar umso leichter auszublenden, dass weltweit längst reihenweise Küstengebiete unter Land gegangen sind und die Menschen aus ihrer angestammten Heimat endgültig und ohne Aussicht auf Rückkehr fliehen mussten. Selbst in Europa, aktuell in Venedig, musste gerade öffentlich der Notstand ausgerufen werden, da der berühmte Markusplatz durch ein Rekordhochwasser dauerhaft unter Wasser steht – siehe (Video 1) (Video 2) (Video 3) (Video 4). Da konnten selbst die Ingenieure mit einem Schutzmauerprojekt nichts mehr retten – Dank Korruptionsskandal übrigens – ein übliches, weil zum Kapitalismus immer gehörendes Phänomen, welches in Italien bekanntlich einen besonders festen Stammplatz inne hat.

Aber wen interessieren in der Schweiz schon Fakten, wenn man selbst gemütlich hoch oben in der Berghütte Glühwein schlürft oder in einem trockenen Baseler TV-Studio so vor sich hin philosophiert? Bei mir als Zuschauer hinterließ Katja Gentinetta eher den Eindruck, sich noch nie ernsthaft mit der Problemlage und dem Thema beschäftigt zu haben.

Richtig von ihrer Seite aus war zwar der Hinweis, dass Menschen den Drang haben kreativ und produktiv sein zu wollen, um selbst besser zu werden und auch das eigene Leben besser zu machen (*). Aber das bedeutet keineswegs, dass das zwingend zu einem ewigen oder gar destruktiven Wachstum führen muss und wir als Spezies unsere Mitwelt quasi der menschlichen, biologisch-mentalen Natur folgend zerstören müssen. Ein Biber verändert auch drastisch den Flusslauf, indem er Zweige heran schafft und damit Wasser aufstaut. Aber er wäre von Natur aus nie so dumm, es dabei so weit zu treiben, den Fluß zu verschmutzen oder zu zerstören, so dass er dort gar nicht mehr leben könnte oder vor ihm fliehen müsste. Auch die Indianer in Nordamerika hatten großen Respekt vor der Natur, jagden und töteten nur so viele Tiere, wie sie wirklich zum Überleben brauchten. Erst die weißen Trapper mit ihren Langbüchsen rotteten die Bisons fast aus – nur weil sie zeigen und beweisen wollten, dass sie es technisch konnten. Die Trapper waren in ihrer Denkform bereits kapitalistisch vergesellschaftet. Das machte den Unterschied.

Niko Paech gelang es glücklicherweise auch sofort, dieses Plädoyer als ursächlich für den Wachstumszwang zu entkräften. Dass es auch ein Wachstum an Wohlbefinden, innerer Ruhe und Kraft geben könnte, an mehr Freizeit, Zeit um in sich zu gehen, für Muße und Bildung, für die Familie usw. kam Frau Gentinetta gar nicht in den Sinn. Wie auch? Dem warenförmigen Subjekt erscheint das Leben oft nur als erfolgreicher Konsum. Haste was, biste was, haste mehr, biste mehr.

Zur Ehrenrettung der Schweiz sei übrigens angemerkt – es gibt dort auch großartige, weitsichtige Autoren, die das ganz anders sehen als Frau Gentinetta!


Wachstum verbieten oder Wachstumsgrenzen überwinden?

Hier schiebe ich zunächst ein, was die beiden zusätzlichen Studiogäste zum Thema sagen. Die Umweltforscherin Alexandra Gavilano wird zunächst nach ihrem Plan B befragt, wenn sich in der Klimapolitik nichts ändere. Genüge es, dass wir uns als Individuen einfach nur anders verhalten? Aus ihrer Erfahrung, so die Antwort, nein. An die individuellen Personen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und der Finanzwelt wurde seit Jahrzehnten appelliert – geändert habe sich grundsätzlich nichts. Sie sieht bzw. fordert deshalb einen Wertewandel, zu dem auch Maßnahmen wie sinnvolle Verbote gehören, wenn es nicht freiwillig geht.

Das ist sicherlich als Befund richtig. Ich würde sogar hinzufügen, dass übergangs-weise vieles im Alltag tatsächlich anders gestaltet und begrenzt werden könnte und angesichts der Problemlage auch müsste. Doch ein grundlegendes Problem übersieht Frau Gavilano dabei. Es hat einen triftigen Grund, warum alle Appelle ans Individuum nichts bringen. Ohne den Bezug zu den gesellschaftlichen Kategorien herzustel-len und grundsätzlich zu ändern, in denen die Individuen agieren und quasi syste-misch gefangen sind, werden auch Verbote langfristig erfolglos bleiben. Ich werde weiter unten noch näher darauf eingehen.

Der Wirtschaftsliberale Matthias Müller ist da ganz anderer Meinung. Er ist der Auffassung, menschliche Kreativität und Schöpfergeist hätten schließlich auch früher, z.B. schon in den 1970er Jahren vorausgesagte Wachsumgrenzen, überwunden. Warum solle das in der Zukunft nicht so sein?

Dem würde ich entgegnen, dass er damit gleich doppelt falsch liegt. Er verfehlt mit der Antwort nicht nur das Thema, denn es geht ja nicht darum, ob auch in Zukunft Ingenieure neue Technik, Kühlschränke, Handys und Autos erfinden und im materiellen Wachstumssinne bauen könnten – das bezweifelt niemand – sondern es geht darum, wie zerstörerische diese Art Produktion und Konsum dann sein werden, angesichts der Befunde, die wir heute schon weltweit sehen. Es mangelt ja auch heute keineswegs an Produktionsausstoß – und der wird zukünftig mit Hilfe der Digitalisierung der Produktionsfabriken sogar noch steigen. Er mißversteht die Logik und vor allem die Dynamik seines eigenen Gesellschaftsmodells und ignoriert, warum die Schäden heutzutage überhaupt auftreten. Primär zerstört niemand die Welt absichtlich. Warum auch? In Wahrheit ist das aber kein Nebeneffekt, der quasi nur aus Versehen oder Unachtsamkeit auftritt und der sich systemimmanent technisch leicht abstellen ließe, sondern er entspringt der gesellschaftlichen Inwertsetzung, die Müller natürlich als richtige, ja sogar einzig mögliche stillschweigend voraussetzt.

Ebenso fragwürdig bzw. in gewisser Weise falsch ist der Verweis von Matthias Müller auf andere Länder, z.B. in Asien, Afrika und  Südamerika, wo die Menschen bekanntlich auf die Straße gehen und demonstrieren, weil nicht genügend Wachstum vorhanden ist, da die jeweiligen Regierungen unzureichende juristische Grundlagen für die Rahmenbedingungen setzen und eine falsche Wirtschaftspolitik betreiben. Das stellt in Wahrheit niemand in Abrede, kein Postwachstumsökonom und nichtmal die schärfsten Kapitalismuskritiker, weil diese Länder sich in Weltregionen einer „nachholenden Modernisierung“ (Robert Kurz) befinden. Sie haben selbstverständlich ein historisches Recht auf Wachstum, um ebenfalls ein ausreichend hohes Lebensniveau erreichen zu können. Das heißt aber, dass wir im hoch entwickelten, reichen Westen, der das schon längst erreicht hat und bereits weit über seine Verhältnisse lebt, im Gegenzug endlich weniger Ressourcen verbrauchen müssten. Unser Verbrauch steigt jedoch.

Dieses Argument taugt also keineswegs, Wachstum per se zu erklären oder gar zu rechtfertigen, wie Müller das meint, sondern es zeigt lediglich auf, dass es rund um den Globus geschichtlich bedingte Unterschiede im Entwicklungsstand der Kapitalform gibt. Darauf gilt es einerseits Rücksicht zu nehmen und andererseits diese Länder aktiv in internationale Naturschutz- und Klimaziele mit einzubeziehen, soweit das angesichts der Wachstumsdynamik und den Erfordernissen gegenwärtig möglich ist. Wir, als Nutznießer der bisherigen Geschichte, müssten auf jeden fall vorangehen und sie dabei bestmöglich unterstützen, z.B. durch Wissenstransfer.

Blind in Bezug auf die Gesellschaftsform

Grundproblem dieser philosophischen Runde: die Studiogäste sind alle normale, kapitalistische Ökonomen oder können nur im Rahmen einer Konsum- und Warenwelt denken. Leider ist kein echter Kapitalismuskritiker dabei, vor allem keiner, die sich auf die Wertetheorie bezieht. Der könnte die Runde konsequent und komplett auseinandernehmen. Warum wurde z.B. ein Wirtschaftsautor wie Thomas Konicz nicht eingeladen? Der hat schon sehr viel zu dem Thema geschrieben und hätte echte Argumente. Seine Bücher zählen aktuell zum Besten, was es derzeit im deutschsprachigen Raum gibt. Aber vor solchen Leuten hat man natürlich Angst, denn die sprechen tiefer gehende Wahrheiten aus und werfen Fragen auf, die man fürchtet (s. Konicz.info).

Was an diesem „Philosophischen Stammtisch“ nämlich alle ausblenden sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ganze sozio-ökonomische Form – also die Warenform – so, wie sie unseren Alltag bestimmt.

Niko Paech kann ich durchaus zu 90% zustimmen, weil bzw. solange er sich argumentativ auf der Ebene des „stofflichen Reichtums“ (Karl Marx), der Natur und Ökologie bewegt, bin ich völlig bei ihm. Ich hab ihn persönlich schon getroffen und mit ihm diskutiert. Was er grundsätzlich vorschlägt halte ich sachlich gesehen für richtig. Er glaubt aber, das alles ginge problemlos und weiterhin warenförmig. Genau da hab ich ihm bei seinem Vortrag in Hamburg (im Werk 3/ das war so ca. 2010/2011) widersprochen und Fragen gestellt, die er dann auch nicht mehr schlüssig beantworten konnte. Da lag ökonomisch gesehen sein blinder Fleck. Ich werde das gleich näher beleuchten. Diesen blinden Fleck führt hier in der gesamten Fernseh-Runde auch niemand als Argument für Wachstum an (soviel zum Thema „wir sind alle Ökonomen“), so dass die wirklich relevanten Argumente für den Zuschauer verborgen blieben. Wo keine Präsenz, da keine Wahrnehmung. Die echten, nämlich gesellschaftlich gesetzten Gründe für den Wachstumszwang blieben so leider völlig ausgeblendet. Genau deshalb ist diese Diskussionsrunde dem Zuschauer leider so manches schuldig geblieben… Ein guter Grund, jetzt näher darauf einzugehen.

 

Warenform, Wertschöpfung und Wachstum

Warenform bedeutet immer Wertschöpfung. Kapitalismus basiert auf „abstraktem Reichtum“ und somit immer auf dem kaufmännischen Wertschöpfungsprinzip. [ Niko Paech spricht das auch kurz mal an, spinnt den Faden aber leider nicht weiter. ] Das bestimmt alle wirtschaftlichen Zyklen. Es funktioniert aber nur, wenn die Finanzen und das Gesamtsystem inkl. des Produktionsausstoßes wachsen.

Grund: Der Wert einer Sache wird durch die monetäre Form selbst dann festgehalten, wenn das Produkt längst verbraucht ist, also z.B. aufgegessen wurde (z.B. Nahrungsmittel, Süßigkeiten etc.). Dieser abstrakte Wert wird dann (in die Geldform verwandelt) zum Ausgangspunkt für den nächsten Verwertungszyklus. Es bildet sich ein selbstreferenzielles, quasi automatisches Feedbacksystem (bildlich eine Wachstumsspirale) mit allmählich exponentiellem Anstieg. Damit meine ich keineswegs nur Zins- und Zinseszinseffekte, wie manch einer vielleicht denken mag. Zinsen im engeren Sinne gehören durchaus zum Problem, sind aber nur ein (Kosten-)Faktor unter vielen. Das Wesen des Problems ist viel allgemeinerer, denn es ist ursächlich untrennbar mit der Warenform verbunden. Kein kapitalistischer Warenproduzent stellt überhaupt irgendwas für menschliches Bedürfnis her, wenn er hinterher nicht mehr Geld in der Tasche hat, als am Anfang. Und die dabei erzielten Gewinnmargen sind deutlich höher als Zinsen. Das wird bei solchen Diskussionen stets übersehen, weil es objektiv als auch in der Denkform des Marktsubjektes tief verankert, so dermaßen systemimmanent ist, also schon vor jedem Gedanken existiert, dass es als unabänderlich vorausgesetzt wird. In der Psychoanalyse von Siegmund Freud ist es das kollektiv Unbewusste, das „Es“. Es ist immer da, bevor überhaupt ein erster, halbwegs klarer Gedanke gefasst werden kann. Karl Marx charakterisierte den Kapitalismus deshalb auch als Fetischgesellschaft. Dem Fetischisten erscheint das hingegen als normal. Daran zu rütteln wäre glatt Blasphemie.

Doch genau da liegt die Crux. Je mehr Waren historisch produziert wurden, desto höher war deren monetäre Repräsentanz, also der Gesamtwert. Es musste auch stetig mehr Geld in Umlauf gebracht werden, bis z.B. Anfang der 1970er Jahre die Golddeckung des Dollars nicht mehr aufrecht zu halten war, da es nicht genug Gold dafür gab. Mehr ließ sich damals schon nicht fördern; von heute, wo in jedem Land in Milliarden oder gar in Billionen gerechnet wird, ganz zu schweigen.

Bewegungsmuster des Kapitals

Das Kapital strebt automatisch immer zum Maximalprofit und hat mit Bedürfnisbefriedigung rein gar nichts zu tun, denn es produziert ebenso Mangel, wie z.B. Hunger, Wohnungsnot usw. Ebenso hat es nichts mit Gier zu tun (**), wie es der Moderator Yves Bossart zum Ende hin meint, sondern es liegt in der Logik der Strukturen des kapitalistischen Verwertungszusammenhangs selbst, denen es tief eingeschrieben ist. Wachstum ist als Rahmenbedingung für den Verwertungsprozeß (= „Die Verwertung des Wertes“, Robert Kurz) objektiv(!) notwendig und eben keine Frage des subjektiven Willens. Sowie das Wachstum stagniert oder gar rückläufig wird, kriegt der Kapitalismus deshalb auch ein massives Problem. Wer als kapitalistischer Moderator Yves BossartDienstleister oder Warenproduzent in der Marktkonkurrenz zurückfällt oder durch unbeglichene Zahlungsforderungen im Wachstum ausgebremst wird, gerät selbst in finanzielle Schieflage, kann letztendlich „freiwillig“ bzw. aktiv dicht machen oder bekommt Besuch vom Konkursverwalter, weil im eigenen Unternehmen zu viele Rechnung offen bleiben. Dann wird der Laden notfalls unfreiwillig geschlossen. Erzeugt das einen Dominoeffekt in der ganzen Wirtschaft, dann ist Krise. Lohnabhängig Beschäftigte landen beim Arbeitsamt. Massenkaufkraft geht verloren.

Das ist immer und weltweit überall gleich, also objektiv und gesetzmäßig, d.h. unabhängig von Land und Leuten, Moral und Ethik, Religion und Kultur, dem Entwicklungsstand von Wissenschaft und Technik etc. – wobei es eigentlich nicht so sein müsste, denn es handelt sich ja nicht um ein Naturgesetz (auch wenn es wie ein Naturgesetz unabhängig vom Bewusstsein wirkt), sondern um ein gesellschaftliches Gesetz – nämlich das des Marktes und der inneren Funktionslogik des Geldes (kaufmännische Regeln). Es sind nur soziale Formen und deshalb auch kein echter Sachzwang! Es handelt sich soziologisch gesehen rein um gesellschaftliche Konventionen. Es wäre also veränderbar.

Naturzerstörung und negative Klimabeeinflussung sind also in der Endkonsequenz keineswegs unabänderliche Notwendigkeiten und Erscheinungen, sondern Ergebnisse eines der Tauschlogik basierenden Wirtschaftssystems. Schon heute handeln viele Länder so, als wenn wir mehrere Planeten Erde zur Verfügung hätten (siehe Balken Grafik „Ressourcenverbrauch“).

Grafik Ressourcenverbrauch im Vergleich

Grafik Ressourcenverbrauch im Vergleich

Umgang mit Zeit als Charakteristikum

Richtig ist vielmehr das Argument von Niko Paech, dass man die allgemeine Arbeitszeit drastisch absenken müsste, auf 20 h und langfristig sogar auf 5 bis 10h, also durchschnittlich maximal 2 h Arbeit pro Tag. Mehr braucht man für ein gutes Leben aller Menschen bei unserem hohen technologischen Entwicklungsstand nicht. Selbst im Mittelalter haben die Menschen bekanntlich nur 4 h gearbeitet und man kannte nur Wasserräder,  Windmühlen, Pferde und Ochsen als Antriebsmittel. Nur – das war auch keine bezahlte Lohnarbeit bzw. wäre – in die Zukunft gedacht – keine „Arbeit“ im heutigen Sinne mehr, sondern das wären unbezahlte aber dafür durchweg sinnvolle, konkrete Tätigkeiten im Sinne des Gemeinwohls, wozu auch Produktion und Dienstleistungen zählen. Sie wurden (historisch) und würden (utopisch) ausgeführt, weil sie sinnstiftend und notwendig sind, also dem Leben und der Gemeinschaft dienen. Dann könnten auch alle heutigen Gründe entfallen für Umweltzerstörung, Ausbeutung, Plastik-Müllberge, die Produktion von Produkten, die schlecht oder gar nicht mehr zu reparieren sind usw.

Das setzt zukünftig allerdings eine strikte Demokratisierung des Wirtschaftslebens voraus (Basisdemokratie, PARECON = Partizipative Ökonomie) bzw. ein Räte- und Allmende-System, aus dem Englischen kommend auch oft als Commons bezeichnet.

Kapitalismus jedoch ist dadurch gekennzeichnet und charakterisiert, dass die bestimmende Tätigkeitsform ihrem Wesen nach „abstrakte Arbeit“ ist. Diesen abstrakten Charakter würde sie zukünftig in einer nicht-warenförmigen Ökonomie, die der direkten Bedürfnisbefriedigung dient, verlieren zugunsten von „konkreter Arbeit“ bzw. besser konkreten Tätigkeiten (Allmendieren, Commoning). Das Grundprinzip wäre langfristig gesehen und nach einer Übergangsperiode nicht mehr der Tausch (Äquivalententausch mit Geld als Königsware), sondern das bewusste Beitragen nach dem Prinzip des additiven Nutzens (vgl. auch „Die violette Wirtschaftsvision“, 2013). Die Strukturen würden auf Kooperation basieren, anstatt auf Konkurrenz.

Beitragen anstatt Tauschen

In einer warenförmigen Wirtschaftsform, einer Tauschgesellschaft, hängen Markt, Geld, abstrakte Arbeit und Wachstumszwang also strukturell zusammen. Der bürgerliche Staat ist lediglich der Wachhund, der mit scharfen Zähnen (Gewaltmonopol, Justiz, Polizei usw.) sowie lautem Bellen (Ideologien, Propaganda, linientreue Medien) darauf aufpasst, dass das auch so bleibt.

In einer nicht-warenförmigen Wirtschaft könnten alle Tätigkeiten, die vorher nur wegen der Form „Kapital“ und des Geldes wegen existierten, entfallen. Man bräuchte kein Geld mehr. Man bräuchte damit auch keine Sicherheitsdienste für Geldtransporte, keine Banker, keine Steuerberater, keine Hedgefond-Manager, keine Finanzbeamten, keine Börsenmakler und sonstigen Spekulanten. Die Polizei hätte es mit deutlich weniger Kriminalität zu tun. Viele Personengruppen, könnten nun ebenfalls produktiv tätig werden oder nützliche Dienstleistungen für das Gemeinwohl ausführen. Dadurch könnte sich der Rest an notwendiger Arbeitszeit bzw. Tätigkeitszeit auf alle Schultern verteilen lassen. Das würde zu einer massiven Absenkung der „Arbeitszeit“ sowie zu einem Sinken des „Renteneintrittsalters“ führen. Dieser richtige Umgang mit Zeit wäre ein typisches Merkmal, eine  Hauptcharakteristik einer natürlichen Wirtschaftsform, einer Ökonomie im ursprünglichen Sinne, die an der Sache, ökologischen Notwendigkeiten und sozialen Maximen orientiert ist, also orientiert an einem guten Leben für alle, anstatt an der Jagd nach abstraktem Maximalprofit für wenige.

Fazit: Spannend ist diese TV-Diskussion im SRF auf jeden Fall – es lohnt sich das anzuschauen. Teilweise ist es insofern zumindest eine kleine „Sternstunde der Philosophie“, weil endlich mal verbal Widerspruch gegen die ewig gleichen Scheinargumente vorgebracht wird, die sich in der Praxis ohnehin längst blamiert haben, aber dennoch immer und immer wieder kommen, weil deren Protagonisten sich hartnäckig weigern umzudenken. Lieber ignoriert man, was nicht zur eigenen Lehre paßt oder versucht das irgendwie zu integrieren. Man wiederholt das, was man jahrelang eingetrichtert bekommen hat. Niko Paech hat dazu gelernt. Er konnte dafür nicht in Gänze auf vorgefertigte Lehren zurückgreifen, sondern musste seinen Gedanken erst selbst entwicklen,  um zu neuen Einsichten zu kommen. Deshalb Wirken seine Argumente auch fundiert und glaubwürdig, in sich (fast schon) vollständig schlüssig. Den Rest an blindem Fleck hatte ich ja oben schon benannt. Drücken wir die Daumen, dass auch der irgendwann noch verschwinden wird.

„Das Geld ist nicht nur eine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis.“ (Karl Marx, 1847 in »Das Elend der Philosophie«)

„Die Grenze des Kapitalismus ist das Kapital.“ (Karl Marx)

Erstaunlicherweise ist von Geld in der ganzen Wachstumsdebatte beim SRF gar nicht die Rede. Es gibt aber noch ein deutlichen Zeichens, welches gegenwärtig das bevorstehende, historische Ende des kapitalistischen Weltsystems ankündigt – und das hat was mit Geld zu tun. Wir leben im Zeitalter des Negativzins. Das ist nicht nur das Ende des heutigen Finanzsystems, wie der Moderator des folgenden Videobeitrages Ernst Wolff meint (s. Video), was durch ein „demokratisches Geldsystem“ irgendwie noch zu kitten wäre, sondern das Ende der Tauschlogik und der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise an sich (***). Das Negativzins-Dilemma ist lediglich der äußere Ausdruck davon, der an der Oberfläche zusammen mit Umweltschäden, Klimaschäden, Artensterben usw. sichtbar wird. Dem liegt durch die Warenform ein tief greifenden Wertesystem in der Produktions- und der Konsumwelt zugrunde, welches auf abstrakter Arbeit und unendlicher Wertverwertung ausgelegt ist (= Mehrwertproduktion) und dazu eben ein unendliches Wachstum als notwendige Randbedingung braucht. Der Grund kapitalistischer Krisen ist und bleibt immer der Mangel an Mehrwertproduktion. Und der erscheint in der abstrakten Form des Geldes.

Holger Roloff, 23. November 2019

(*) – dieses Argument ist sozusagen kurios, weil äußerst „flexibel“. Hier wurde es als Grund für das Wachstum vorgetragen. Im Zusammenhang mit Diskussionen um ein Grundeinkommen wird es hingegen unterschlagen und stattdessen unterstellt, der Mensch sei per se faul und mit einem BGE würde ja niemand mehr arbeiten. Das zeigt, auf welchen Widersprüchen die Denkform bürgerlicher Ökonomie generell basiert…

(**) – dieses Argument ist durch die Sozialforschung vielfach untersucht und widerlegt worden; Gier entspringt einem inneren, emotionalem Mangelzustand und tritt nur auf, wenn die gesellschaftlichen Normen ein derartiges Verhalten erlauben, rechtfertigen oder gar belohnen, was im Kapitalismus bekanntlich der Fall ist.

(***) – das Argument bedeutet allerdings nicht, dass ein demokratisiertes Geldsystem z.B. durch Gründung einer Monetative, keine gute Idee wäre. Für den Übergang zu einem anderen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem jenseits von Markt und Geld könnte so eine neues Geld durchaus helfen, diesen Übergang besser zu ermöglichen und wirkungsvoll zu gestalten.

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Eine Perspektive des zivilen Widerstandes ist möglich, aber nur dann sinnvoll, wenn sich wirklich substanziell etwas ändert. Andernfalls verhallen alle FFF-, Naturschutz- und Klimaschutzproteste in einem nur grün lackierten „weiter so wie bisher“. Wir brauchen das Ende aller Kriege, eine massive Abrüstung und den Beginndes Aufbaus eine humanen Wirtschaftssystems! Ein Standpunkt von Jens Wernicke für KenFM (hier)

„Ein Widerspruch von Stoff und Form“: (hier online) und (hier als PDF)

Die 4.Dimension als unlösbarer Widerspruch des Kapitals (hier)

Im Jammertal von EZB und Niedrigzins (hier)

Langfristig müssen wir viele Küstenstädte einfach aufgeben – Klimaexperte äußert sich BILD (hier)

Marktwirtschaft schön grün lackiert (hier)

Erüberlastungstag auf Wanderschaft (hier)

#AlleFürsKlima bei #FridaysForFuture (hier)

Wohin geht der ökonomische Trend…? (hier)

Fabian Schilder: 16-Punkte-Programm für den sozial-ökologischen Umbau (hier)

Wohlstand neu erfinden – welche echten Alternativen es gibt (hier)

Was bedeutet ein Epochenwechsel – ein größer Blick auf den Wandel (hier)

Wachstumszwang, Konsumverhalten, Narzissmus hängen in der bürgerlichen Psyche zusammen und nehmen zutiefst katholische Züge an – Hans-Joachim Maaz im Gespräch (Video)

Buch: Die Öko-KatastropheDie Öko-Katastrophe – das Buch mit Berichten aus aller Welt zum Tempo des Klimawandels (hier) Interview dazu mit Dirk Kohlmann (Video)

Fragen zum Stand der Klimaforschung an Harald Lesch und Klimaforscher Prof. Stefan Rahmstorf (Video)

„Ohne Systemtransformation wird die Erhaltung der Lebensgrundlagen der Menschheit nicht gelingen“ – Telepolis Interview mit Ingenieur und Soziologen Dr. Wolfgang Neef (hier)

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